Editorials


Vom Koitus bis zum Tod

Vom Koitus bis zum Tod

Ob schlafend oder schlaflos: Im Bett spielt sich das Leben ab. Manchmal in einer einzigen Nacht.

20 Uhr: Die Kinder sind in ihren Betten eingeschlafen. Im Elternzimmer summt der Laptop, der Film ist gestartet, das Kissen sitzt, der Arm des Mannes auch. Das Bett als Altar der Liebe.

20.15 Uhr: Die Dreijährige tappt ins Elternzimmer, zwängt sich zwischen Mann und Frau, kommentiert die neue, bequeme Lage mit einem entwaffnenden «soooh». Der Film wird beendet.

20.40 Uhr: Das Baby hat Hunger.

21.20 Uhr: Der Mann und die Dreijährige schlafen.

21.22 Uhr: Die Frau trägt die Tochter ins Kinderbett und legt sich neben den schwer atmenden Mann.

24 Uhr: Das Baby hat Hunger.

1.30 Uhr: Die Dreijährige träumt von einem Riesenfrosch und muss das im Elternbett mit ihrer Mama verarbeiten.

3 Uhr: Das Baby hat Durst.

3.30 Uhr: Und den Nuggi verloren. Die Frau wünscht sich ihr Bett als Grab. Lieber tot als noch ein einziges Mal aufstehen.

5 Uhr: Das Baby brüllt.

Die Frau erwacht auf dem Fussboden neben dem Babybett, notdürftig auf einer Decke gebettet. Das Baby freut sich über die Gesellschaft und lächelt zahnlos. Seine Mama verzeiht ihm alles.

Schwieriger wird es der grosse, starke Kerl auf der weichen Matratze haben, wenn er auch an diesem Morgen beim Frühstück feststellen wird: Was für eine gute Nacht, endlich hat mal keiner geschrien.

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Volltanken, bitte!

Volltanken, bitte!

Wir leben frei von Sorgen – auch dank unserem Reichtum aus dem Handel mit Rohstoffen.

Hier schaukeln die Gewinner. Mädchen mit polierten Lackschuhen und Umhängetäschchen von Prada werden von ihren Nannies behutsam in den Himmel geschubst. Man plaudert russisch, englisch oder französisch – das sind die Amtssprachen auf Zugs Spielplätzen. Zug ist nach Genf der wichtigste Rohstoffhandelsplatz der Schweiz. Die Wahrscheinlichkeit, ausserhalb des Sandkastens von einem Bentley oder Maserati überfahren zu werden, ist hier grösser, als dass ein Minenarbeiter in Kongo einen Lohn erhielte, der seine Familie ernährt.

Von Aluminium über Kaffee und Nickel bis Zink wird in der Schweiz alles gehandelt. 2013 war der hiesige Rohstoffhandelsumsatz zwanzigmal höher als noch im Jahr 2000. Die Branche ist mit schwindelerregenden Umsätzen zum wichtigen Schweizer Wirtschaftsfaktor geworden – mit entsprechendem Einfluss auf die Politik. Die setzt weltweit auf Wachstum und damit auf Wettbewerb, in dem Rohstoffe immer auch politisches Druckmittel sind. Eine Wirtschaftsstrategie, die auf einem massvollen Umgang mit Ressourcen basiert, ist uns noch immer fremd.

In Zug sind über 250 Firmen im Rohstoffhandel tätig. In Genf sind es 400. Als Kunst mag der Handel nicht erscheinen, eine Kunst ist es indes, in dieser Branche einen Nachhaltigkeitsbericht zu verfassen. Zur Imagepolitur setzt manche Firma auf krisenfeste Pressesprecher, die selbst einer Ölkatastrophe noch etwas Gewinnendes abringen können.

Und so schaukeln wir sorgenfrei an den Gestaden schöner Seen. Die Mahnrufe der Experten verklingen als Echo in der Ferne: Verbrauchen wir weiter so viele Rohstoffe wie bisher, brauchen wir in 25 Jahren drei Erden. Gewinner gibt es dann keine mehr.

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Auf die Schnelle

Auf die Schnelle

Wie wir mittags essen

Die Familie sitzt am Mittagstisch. Über dem massiven Buffet hängt ein Gemälde in blaudunstigem Ton. Im Gesicht der Madame Buddenbrook liegt keine Spur von Unruhe. «‹Bon Appétit!› sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick über die ganze Tafel bis zu den Kindern hinuntergleiten liess …»

Die Veränderung geschah schleichend. Heute essen wir im Gehen unsere Pizza, im Stehen quetschen wir Sauce auf den Fertigsalat, und vor dem Computer krümeln wir in die Tastatur.

Fertiggerichte versprechen «mehr Zeit zum Leben», aber nicht mehr Zeit zum Essen. Das Mittagessen ist zu einem notwendigen Übel verkommen. Heute nennen wir es «Lunch» – für manche gleichbedeutend mit dem Zerfall der Werte: Wie war das Bild des gutbürgerlichen Mittagstischs doch schön, als die Welt der Buddenbrooks noch in Ordnung war.

Wie schlimm steht es um unser Mittagessen wirklich? Strukturierte das Mittagessen einst unseren Tagesablauf, wird es nun in die vorgegebenen Strukturen eingepasst – wir essen zu jeder Zeit, an jedem Ort. Knöpfte sich einst der Direktor nach einem ausgiebigen Geschäftsmahl seine Weste auf, bevor er der Blutleere im Hirn erlag und kurz einnickte, gibt es beim Businesslunch heute leichte Kost, damit wir einsatzfähig bleiben. Wir müssen flexibel sein, und da wir unter chronischem Zeitdruck stehen, versuchen wir Zeit dort einzusparen, wo sie nicht produktiv ist, bei Routinetätigkeiten wie dem Kochen und dem Essen.

Es ist sogar denkbar, dass wir künftig den Lunch simulieren werden, schreibt der Biochemiker in diesem Heft. Der Kulturwissenschafter prophezeit, dass Asien die Dominanz des Westens auch bei den Essgewohnheiten brechen wird. Der Geniesser indes hofft, dass die Zeit, die Grundbedingung für gutes Essen, nicht noch weiter schwinde, und schwelgt in Jugenderinnerungen, als die Familie am Mittagstisch sass und die Grossmutter mit ihren Arancini das Paradies erreichte.


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Warten auf die Wiedergeburt

Warten auf die Wiedergeburt

Schmerzen sind mehr als ein Schmerz

Als «Todesschmerz» beschreibt Richard Oetker den Moment, als fast zehn Sekunden lang Strom durch seinen Körper floss. Der damals 25-jährige Industriellensohn lag 48 Stunden in einer zu kleinen Holzkiste, als ihn Stromschläge zum Invaliden machten. Der Schmerz war so intensiv, dass er hoffte, «mit dem Tod diese Erfahrung zu beenden». Dreissig Jahre liegen zwischen seiner Entführung und dem Gespräch mit dem NZZ Folio, in dem er über diese Schmerzerfahrung spricht.

Wenn so ein Todesschmerz chronisch ist, sich auf Dauer im Körper einrichtet, macht er jeden Moment der Existenz zur Qual. Der Schmerz grenzt den Menschen aus, lähmt sein Denken und Handeln, zieht ihn von seinen Leidenschaften ab und lässt stattdessen die ganze Welt zum Leid werden. Der Mensch sehnt sich nach dem Opiat, das den Schmerz für drei bis vier Stunden stillt, und schon in dem Augenblick, da die Tablette geschluckt wird, macht ihn die Aussicht auf Entspannung ruhiger. Beim Schmerz ist nicht nur der Körper betroffen, sondern der Mensch als Ganzes.

Es hat lange gedauert, bis diese Erkenntnis in die Praxis gelangte und die Schmerztherapie Mediziner, die es sich mit Aussagen wie «Damit müssen Sie eben leben» bequem gemacht hatten, aus ihrem Elfenbeinturm drängte. Schmerzen lassen sich lindern – manchmal sogar verlernen, wie der Schmerzforscher Walter Zieglgänsberger propagiert, indem er den Patienten die Angst vor der schmerzenden Bewegung nimmt . Stimmungsaufheller helfen dem Gehirn beim «Re-Learning».

Aber körperliche Schmerzen werden nicht nur gefürchtet und gemieden, sie werden auch gesucht: um sexuelle Lust zu erleben oder gesellschaftliche Zugehörigkeit zu demonstrieren. Tätowierungen, Brandmale und Beschneidungen – Schmerz begleitet weltweit Initiationsriten. Die Performancekünstlerin Marina Abramovi´c fügt sich Schmerzen zu, um ihr Bewusstsein zu erweitern.

Sie glaubt, dass nur befreit leben kann, wer sich von der Angst vor Sterblichkeit und Schmerz trennt.

Sollte sich im Schmerz tatsächlich etwas Gutes verbergen, dann der Moment, in dem er uns verlässt und wir aus der Todessehnsucht, die er in uns weckte, wiedergeboren ins Leben zurückkehren.

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Spätes Erwachen

Spätes Erwachen

Die Ökobewegung ist nicht mehr aufzuhalten. Was vor vierzig Jahren noch belächelt wurde, ist heute «in».

Es begann mit Vollbärten, Latzhosen und fröhlichen «Atomkraft? Nein danke»-Aufklebern auf roten Deux-Chevaux. Das Benzin war damals noch verbleit und öko zu sein nicht wirklich cool.

Dann kamen das Ozonloch, die Globalisierung, das Waldsterben, der Feinstaub und der Rinderwahn – und langsam schlich sich der Gedanke, dass da irgend­etwas schieflaufen könnte, in unser Bewusstsein. Heute essen wir biozertifizierte Äpfel ohne Angst vor Maden, und Hollywood lässt seine Helden mit dem Hybridauto vorfahren und Sprüche gegen spritfressende Hummer klopfen. Die Allgemeinheit hat sich der Ökologie bemächtigt. Öko ist «in» und damit alles, was Öko im Namen trägt: vom Ökomarketing über Ökoferien bis zum Ökotaxi.

Nach dem griechischen Wortsinn bedeutet Ökologie die Lehre vom Haus oder Haushalt. Es geht dabei um die Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt, um ein kompliziertes Geflecht von Beziehungen, ein System gegenseitiger Abhängigkeiten, in dem die Welt als Behausung dient, die aus vielen Räumen besteht, die alle zusammen die menschliche Umwelt ausmachen. Der englische Ökologe Sir Frank Fraser Darling hoffte, dass der Mensch als beherrschendes, kluges Säugetier sich verpflichtet fühle, der niederen Kreatur zu dienen, die Welt sauberzuhalten und der Nachwelt etwas zu hinterlassen, dessen wir uns nicht zu schämen brauchten.

Die Zeiten, in denen man bedenkenlos aus dem Vollen schöpfte, sind vorbei. Was heute zählt, ist der ökologische Fussabdruck, nicht, dass man auf möglichst grossem Fusse lebt. Emissionshandel, Cradle to Cradle, Ökostrom – unter dem Leitbegriff der Nachhaltigkeit geht es darum, unseren Umgang mit der Umwelt zu verändern. Für dieses Heft haben wir einige Orte besucht, wo man sich darum bemüht, zu diesem neuen Umgang zu finden. 

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Gier und Gerechtigkeit

Gier und Gerechtigkeit

Man mag Anwälte nicht besonders. Dennoch gibt es immer mehr von ihnen. Und alle haben gut zu tun.

Geliebt hat man sie noch nie besonders. Schon 1509 verbot der spanische König Anwälten das Auswandern nach Amerika: Sie ­täten nichts Besseres, als die Kolonisten dazu zu bringen, ihr Geld in Streitigkeiten und Prozessen zu verschleudern, so die Begründung. Als hätte er es geahnt, gehören in den USA Anwälte seit Jahren zum unbeliebtesten Menschenschlag; zu viele, zu geldgierig, meint das Volk. Im deutschsprachigen Raum liegen Anwälte bei Umfragen im Mittelfeld, zusammen mit den Pfarrern. Tendenz sinkend.

Trotzdem wollen immer noch Tausende junger Menschen Jus studieren. Für die Prüfungen müssen riesige Hallen angemietet werden. Derzeit sind in der Schweiz 15 000 angehende Juristen immatrikuliert. Auf sie warten eine Vielzahl Berufschancen und ein sicheres Einkommen, immer öfter in Grossunternehmen, die seit Jahren ihre Rechtsabteilungen aufrüsten. Aus gutem Grund: Jährlich wächst die Sammlung der schweizerischen Bundesgesetze um 5000 engbedruckte Seiten, kein Atemzug, der nicht gesetzlich definiert wäre und damit auf neue Auslegungen wartet.

Auslegungen, die nicht immer Klarheit bringen. «Nicht mal als Jurist versteh ich diese Spitzfindigkeiten», sagt der Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck in diesem Heft zur Anklageschrift gegen seinen Mitkämpfer, den spanischen Richter Baltasar Garzón. Wie Garzón legt sich Kaleck bevorzugt mit Staatschefs und Grosskonzernen an. Ob er nicht einen Job frei habe, fragt ihn mancher Kollege bewundernd und bietet an, im Kampf gegen die Mächtigsten sogar umsonst zu arbeiten, getrieben nicht von Gier, sondern vom Wunsch nach Gerechtigkeit. Spaniens König Ferdinand hätte ihn vermutlich dennoch nicht gemocht.

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Schuhgeschichten

Schuhgeschichten

Worauf wir gehen und stehen

Schuhe, so sagt man, sagen vieles über den Menschen aus, der sie trägt, vielleicht, weil sich an der verbindlich festen Gestalt eines Schuhs mehr ablesen lässt als an jedem anderen Kleidungsstück: Der Stiefel ist das Zeichen der Eroberer – Soldaten und Jäger tragen ihn. In ihm fühlt sich der ganze Mensch sicher. Anders die Sandale. Sie steht für Freiheit. Nichts engt ein, das wirkt sich auch auf die Seele aus – Mönche tragen Sandalen. Schuhe verändern das Auftreten und beeinflussen die Stimmung: Mit einem eleganten Schuh wächst das Selbstbewusstsein, mit einem drückenden Schuh am Fuss fühlen wir uns schwach.

Schuhe legen Zeugnis ab vom sozialen und kulturellen Selbstverständnis des Menschen. Sie erzählen vom Status des Trägers, erklären sein Verhältnis zum eigenen Geschlecht. Die ersten Schuhe mit hohen Absätzen sind mit dem ersten Mal Schminken zu vergleichen – sie sind der Eintritt in die Welt der Weiblichkeit, sagt die Psychiaterin Isolde Eckle.

Schuhe entscheiden über Sieg oder Niederlage, behauptet der tschechische Schuhwissenschafter Petr Hlavácek und erinnert im Gespräch an die zu schweren Stiefel der amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg. Und sie berichten von Leidenschaften wie der des Pariser Schuhdesigners Christian Louboutin, der seit seinem zehnten Lebensjahr dem Highheel verfallen ist, oder der des Münchner Schuhmachers Peter Eduard Meier. Louboutins Kreationen sind märchenhaft und er selbst so etwas wie ein Prinz; Frauen stellt er auf 12 Zentimeter hohe Stifte und feiert sie als Göttinnen. Meier poliert indes edelstes Leder auf Hochglanz und lehrt seine Technik Adlige und Anwälte in Schuhputzseminaren.

Natürlich bleibt der Schuh trotz allen Geschichten ein Schuh, ein Alltags­gegenstand, den wir mögen, weil er schlicht schön ist, oder schätzen, weil er uns bei Regen trockenen Fusses nach Hause bringt. Dort stellen wir ihn ordentlich neben die anderen Schuhe, die geliebten Menschen gehören, und wir wissen, dass wir angekommen sind.

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Mittel zum Zweck

Mittel zum Zweck

Ist gratis wirklich gratis?

Jeweils im Herbst an der Chilbi pries er seine süssen Waren an. Zu jedem Kauf, rief er: «…gibt’s einen Ballon gratis dazu». Natürlich drängte ich meine Mutter zu diesem Stand. Dass die hübschen Ballons, mit aufgemalten Katzen, Hunden und Schweinen, einem simplen Verkaufstrick dienten, ahnte ich nicht.

Mit Gratisprodukten Geld zu verdienen, ist ein gängiges Geschäftsmodell. Der Erfinder King Gillette legte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Grundstein dafür, als er seine Nassrasierer den Kunden verschenkte, die dazu notwendigen Klingen aber verkaufte. Heute verschenken Mobiltelefonanbieter das Telefon, binden als Gegengeschäft den Kunden mit langjährigen Abonnements.

Weshalb dieses Geschäft funktioniert, belegen Experimente. Angesichts von Schlüsselreizen wie «gratis» oder «halber Preis» bringen Menschen nicht mehr die einfachste Rechenleistung zustande, unmittelbare ­gegen langfristige Kosten abzuwägen. Bei Franken 0.00 reagiert der Mensch irrational.

Den Trend zu immer mehr Gratis verdanken wir dem Internet. Internetsuche, E-Mail-Accounts, Computer-Betriebssysteme – wer wollte dafür heute noch bezahlen? Für Chris Anderson, Chefredaktor des Trendmagazins «Wired», ist das alles erst der Anfang einer Revolution, für ihn steht fest: «Die Zukunft der Wirtschaft heisst gratis.»

Das Internet perfektioniert, womit die Medienbranche seit Jahrzehnten ihr Geld verdiente: über die Drittpartei, die Werbung. Dass ausgerechnet eine Gratiszeitung in der Schweiz den etablierten Blättern den Kampf ansagen sollte, damit rechnete niemand. Wir liefern erstmals die Hintergründe dieses historischen Feldzugs.

Bewegen wir uns bald in einer Gratiswelt? Wohl kaum, da es nach wie vor auf Erden nichts umsonst gibt. Zum Glück der unbeschwerten Kindheit gehört es, das eben nicht zu wissen. Und so freute ich mich über einen Ballon – auch wenn er nur Mittel zum Zweck war und zwei Tage später als schrumpeliges Kätzchen in der Zimmerecke welkte.

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Nachts im Wald

Nachts im Wald

Tatorte ziehen Menschen in ihren Bann. Warum fasziniert, wovor wir uns eigentlich fürchten?

Der erste von mehreren Toten, die ich im Laufe der Heftrecherchen sah, lag auf einem Tisch, die Haut aufgeplatzt, Knochen schauten hervor. Ein junger Mann stand neben der Leiche und dokumentierte die Verletzungen. Der gewaltsame Tod als realer Bestandteil unseres Alltags: daran ist nichts unterhaltsam, nichts schaurig oder gruselig. Jeder Tod ist eine Tragödie.

Wir verabscheuen das Böse, und gleichzeitig betrachten wir es gebannt. Im Fernsehen töten sie zu jeder Tages- und Nachtzeit, inflationär fahnden Polizisten und Rechtsmediziner nach Bestien, in Buchhandlungen reiht sich Krimi an ­Krimi. Der Psychologe Bruce M. Hood erinnert sich in seinem Beitrag in diesem Heft daran, wie er als Kind Dinge genoss, vor denen er sich fürchtete. Er ver­mutet, dass ein Teil dieser Lust auch dem Erwachsenen erhalten bleibt – allerdings nur, solange wir uns in sicherer Entfernung vom Bösen wissen. Die Faszination schwindet, sobald das Grauen in die eigene Welt einbricht.

Häuser, in denen ein Mord geschah, verlieren an Wert, bevor sie, falls überhaupt, wieder einen Käufer finden. Wo das «Waldeggli» im solothurnischen Seewen stand, in dem an Pfingsten 1976 ein fünffacher Mord geschah, neigen sich heute Ebereschen im Wind. Der Journalist Jost Auf der Maur berichtet vom wohl bekanntesten Mordfall der Schweiz – plötzlich war geschehen, was man nur aus Amerika kannte.

Es gibt die Ungeheuer, aber meistens sind es die gewöhnlichen Mitmenschen, die zuschlagen, wie das Wochenprotokoll von Zürcher Opferberatungsstellen zeigt. 2010 starben in der Schweiz 53 Menschen eines gewaltsamen Todes, die Hälfte davon infolge häuslicher Gewalt. Zu Hause ist es am gefährlichsten.

Nach Abschluss der Recherchen fuhr ich mit Mann und Baby in die Ferien. Im Gepäck einen Kommissar auf der Suche nach einem Axtmörder. Eine unglück­liche Buchwahl. Mein Mann liess mich im Ferienhaus im Wald allein zurück: «Zwei Nächte nur, die Arbeit», sagte er. Es wurden zwei sehr lange Nächte.

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Ferne Nachbarn

Ferne Nachbarn

Das Schwarze Meer ist 2000 Kilometer von der Schweiz entfernt. Zu weit, als dass wir es kennen würden – aber dank der EU wird sich das ändern.

Schimmert das Schwarze Meer durch die Bäume des Kurparks im bulgarischen Varna, ist es für einen Augenblick nichts weiter als ein einladendes Gewässer. Eine Theorie besagt, dass das Meer vor 8000 Jahren entstand, als das Mittelmeer durch einen Damm am Bosporus brach – das könnte die alttestamentarische Sintflut gewesen sein.

Das Schwarze Meer mit seinen Anrainerstaaten Bulgarien, Rumänien, Ukraine, Russland, Georgien und der Türkei ist reich an alter Kultur und ebenso reich an neuen Herausforderungen: unterschiedliche geostrategische Interessen, abtrünnige Provinzen, Korruption und Misswirtschaft. Historisch war die Region zeitweise europäisch, zeitweise von Europa abgekoppelt, Russland und die Türkei bemühten sich um die Vorherrschaft.

Seit sich Europa 2007 mit der Aufnahme Bulgariens und Rumäniens in die EU strategisch am Schwarzen Meer positionierte, seit der Türkei eine Beitrittsperspektive eröffnet wurde und auch Georgien und die Ukraine in die EU streben, ist diese ferne Region wieder in unsere Nähe gerückt. Bedeutend ist sie für Europa vor allem als Korridor für Erdöl- und Erdgaspipelines; aber auch, weil man sie als Einfallstor für Schmuggler und das organisierte Verbrechen betrachtet.

Für dieses Heft reisten drei Journalisten um das Schwarze Meer. Eine sah sich im Westen um, einer bereiste den Norden und Osten, eine dritte die Türkei im Süden. Sie reisten in Küstenstädte, die Aufschluss geben sollten über den Zustand des Landes. Dabei sind Geschichten entstanden, die letztlich auch geprägt sind vom Zufall der Begegnungen.

Als die Griechen um 750 vor Christus das Meer erstmals befuhren, nannten sie es das unfreundliche Meer. Nachdem sie ihre Kolonien an den Küsten gegründet hatten, machten sie daraus das gastliche Meer. Wir haben beide Seiten kennengelernt – und einige weitere auf unserer Reise in die Vergangenheit und in die Zukunft Europas. 

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Europa sieht schwarz

Europa sieht schwarz

Malta ist Europas kleinster Mitgliedstaat. Und er liegt nur 340 Kilometer von Afrika entfernt.

 Als ich vor zehn Jahren das erste Mal auf Malta ankam, war das Land gerade der EU beigetreten. Kaum einer kannte die kleine Insel im Mittelmeer, über die ich berichten sollte. Der Beitritt zu Europa war bis zuletzt ungewiss. Viele Malteser sahen die EU als Bedrohung ihrer erst 1964 erlangten Unabhängigkeit von Grossbritannien. Nur 54 Prozent stimmten Ja – ein knappes Ergebnis. 

Schon vor dem EU-Beitritt legten Flüchtlingsboote an Maltas Küste an, die nur 340 Kilometer vom afrikanischen Kontinent entfernt ist. Gekümmert hat das in unseren Breitengraden damals kaum jemand. Nun, als Teil Europas und Mitglied im Schengen-Raum, hat sich die Sachlage geändert: Malta wurde zum Tor ins gelobte Land und damit auch für Schweizer zur Bedrohung, die aus Furcht vor Überfremdung schwarzsehen. 

Die Zahl der Flüchtlinge nach Europa nahm in den letzten Jahren infolge der Unruhen in Nordafrika stark zu. Für Malta bedeutet das: auf der kleinen Insel werden im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung weltweit am meisten Asylanträge gestellt. Maltas Regierung fühlt sich im Stich gelassen und antwortet mit restriktiven Massnahmen, zu denen auch gehört, die oft traumatisierten Menschen wie Vieh in Lager zu sperren. 

Für uns vom NZZ-Folio war das der Anlass, erneut nach Malta zu reisen. Wir trafen Flüchtlinge und Politiker, sprachen mit Marineoffizieren und Gründern von NGO. Malta ist ein Sinnbild für Europas konfuse Flüchtlingspolitik, die glaubt, grosszügig zu sein – in Wahrheit aber engherzig ist.

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Märchenhaft

Märchenhaft

Die Soyabohne ist ein kleines Wunder – hätte der Mensch sie nicht zum globalen Albtraum gemacht.

Es war einmal eine Pflanze, die war genügsam und reich an allen wichtigen Nährstoffen. Sie gedieh auf kargen Böden und machte den Bauern wenig Arbeit. Sie diente als Dünger und nährte Familien, die die Bohnen auskochten und zu einem Mus verquirlten – denn daraus entstanden Milch und Tofu. Wurde sie gepresst, gewann man aus ihr Öl, und was von der Bohne übrigblieb, wurde als Soyamehl an Hühner, Schweine und Rinder verfüttert.

Eines Tages begann dieser paradiesische Kreislauf zu eiern, da die Menschen immer mehr Fleisch essen wollten. Und so kam das Gewächs, das für den Menschen ideal war, fast nur noch dem Tier zu, damit es rascher heranwuchs und schlachtreif wurde. In den USA und Südamerika überdeckte die Pflanze bald ganze Landstriche. Wälder wurden für sie gerodet und Menschen vertrieben. Sie war so begehrt, dass die Böden bald ausgelaugt waren und der Mensch beschloss, die Pflanze genetisch zu verändern, damit sie wieder ergiebig wurde. Die Bauern, die nun auf die manipulierten Samen angewiesen waren, mussten für sie bezahlen, denn sie waren ja ­patentrechtlich geschützt.

Die Bohne wurde zur wichtigsten Bohne der Welt. Politiker stritten um sie, Geschäftsleute sicherten sich den Boden, auf dem sie wuchs, Spekulanten jonglierten mit ihrem Preis.

Jährlich erntete man mit riesigen Maschinen 250 Millionen Tonnen der Bohne, genügend, um viel Hunger auf der Welt zu stillen. Doch nicht einmal drei Prozent davon endeten in den Mägen der Menschen. Der Rest ging ans Vieh.

Die Bohne ahnte von all dem Irrsinn nichts und wuchs weiter still vor sich hin.

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