Europa sieht schwarz


 Als ich vor zehn Jahren das erste Mal auf Malta ankam, war das Land gerade der EU beigetreten. Kaum einer kannte die kleine Insel im Mittelmeer, über die ich berichten sollte. Der Beitritt zu Europa war bis zuletzt ungewiss. Viele Malteser sahen die EU als Bedrohung ihrer erst 1964 erlangten Unabhängigkeit von Grossbritannien. Nur 54 Prozent stimmten Ja – ein knappes Ergebnis. 

Schon vor dem EU-Beitritt legten Flüchtlingsboote an Maltas Küste an, die nur 340 Kilometer vom afrikanischen Kontinent entfernt ist. Gekümmert hat das in unseren Breitengraden damals kaum jemand. Nun, als Teil Europas und Mitglied im Schengen-Raum, hat sich die Sachlage geändert: Malta wurde zum Tor ins gelobte Land und damit auch für Schweizer zur Bedrohung, die aus Furcht vor Überfremdung schwarzsehen. 

Die Zahl der Flüchtlinge nach Europa nahm in den letzten Jahren infolge der Unruhen in Nordafrika stark zu. Für Malta bedeutet das: auf der kleinen Insel werden im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung weltweit am meisten Asylanträge gestellt. Maltas Regierung fühlt sich im Stich gelassen und antwortet mit restriktiven Massnahmen, zu denen auch gehört, die oft traumatisierten Menschen wie Vieh in Lager zu sperren. 

Für uns vom NZZ-Folio war das der Anlass, erneut nach Malta zu reisen. Wir trafen Flüchtlinge und Politiker, sprachen mit Marineoffizieren und Gründern von NGO. Malta ist ein Sinnbild für Europas konfuse Flüchtlingspolitik, die glaubt, grosszügig zu sein – in Wahrheit aber engherzig ist.