Schuhgeschichten


Schuhe, so sagt man, sagen vieles über den Menschen aus, der sie trägt, vielleicht, weil sich an der verbindlich festen Gestalt eines Schuhs mehr ablesen lässt als an jedem anderen Kleidungsstück: Der Stiefel ist das Zeichen der Eroberer – Soldaten und Jäger tragen ihn. In ihm fühlt sich der ganze Mensch sicher. Anders die Sandale. Sie steht für Freiheit. Nichts engt ein, das wirkt sich auch auf die Seele aus – Mönche tragen Sandalen. Schuhe verändern das Auftreten und beeinflussen die Stimmung: Mit einem eleganten Schuh wächst das Selbstbewusstsein, mit einem drückenden Schuh am Fuss fühlen wir uns schwach.

Schuhe legen Zeugnis ab vom sozialen und kulturellen Selbstverständnis des Menschen. Sie erzählen vom Status des Trägers, erklären sein Verhältnis zum eigenen Geschlecht. Die ersten Schuhe mit hohen Absätzen sind mit dem ersten Mal Schminken zu vergleichen – sie sind der Eintritt in die Welt der Weiblichkeit, sagt die Psychiaterin Isolde Eckle.

Schuhe entscheiden über Sieg oder Niederlage, behauptet der tschechische Schuhwissenschafter Petr Hlavácek und erinnert im Gespräch an die zu schweren Stiefel der amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg. Und sie berichten von Leidenschaften wie der des Pariser Schuhdesigners Christian Louboutin, der seit seinem zehnten Lebensjahr dem Highheel verfallen ist, oder der des Münchner Schuhmachers Peter Eduard Meier. Louboutins Kreationen sind märchenhaft und er selbst so etwas wie ein Prinz; Frauen stellt er auf 12 Zentimeter hohe Stifte und feiert sie als Göttinnen. Meier poliert indes edelstes Leder auf Hochglanz und lehrt seine Technik Adlige und Anwälte in Schuhputzseminaren.

Natürlich bleibt der Schuh trotz allen Geschichten ein Schuh, ein Alltags­gegenstand, den wir mögen, weil er schlicht schön ist, oder schätzen, weil er uns bei Regen trockenen Fusses nach Hause bringt. Dort stellen wir ihn ordentlich neben die anderen Schuhe, die geliebten Menschen gehören, und wir wissen, dass wir angekommen sind.