Auf die Schnelle


Die Familie sitzt am Mittagstisch. Über dem massiven Buffet hängt ein Gemälde in blaudunstigem Ton. Im Gesicht der Madame Buddenbrook liegt keine Spur von Unruhe. «‹Bon Appétit!› sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick über die ganze Tafel bis zu den Kindern hinuntergleiten liess …»

Die Veränderung geschah schleichend. Heute essen wir im Gehen unsere Pizza, im Stehen quetschen wir Sauce auf den Fertigsalat, und vor dem Computer krümeln wir in die Tastatur.

Fertiggerichte versprechen «mehr Zeit zum Leben», aber nicht mehr Zeit zum Essen. Das Mittagessen ist zu einem notwendigen Übel verkommen. Heute nennen wir es «Lunch» – für manche gleichbedeutend mit dem Zerfall der Werte: Wie war das Bild des gutbürgerlichen Mittagstischs doch schön, als die Welt der Buddenbrooks noch in Ordnung war.

Wie schlimm steht es um unser Mittagessen wirklich? Strukturierte das Mittagessen einst unseren Tagesablauf, wird es nun in die vorgegebenen Strukturen eingepasst – wir essen zu jeder Zeit, an jedem Ort. Knöpfte sich einst der Direktor nach einem ausgiebigen Geschäftsmahl seine Weste auf, bevor er der Blutleere im Hirn erlag und kurz einnickte, gibt es beim Businesslunch heute leichte Kost, damit wir einsatzfähig bleiben. Wir müssen flexibel sein, und da wir unter chronischem Zeitdruck stehen, versuchen wir Zeit dort einzusparen, wo sie nicht produktiv ist, bei Routinetätigkeiten wie dem Kochen und dem Essen.

Es ist sogar denkbar, dass wir künftig den Lunch simulieren werden, schreibt der Biochemiker in diesem Heft. Der Kulturwissenschafter prophezeit, dass Asien die Dominanz des Westens auch bei den Essgewohnheiten brechen wird. Der Geniesser indes hofft, dass die Zeit, die Grundbedingung für gutes Essen, nicht noch weiter schwinde, und schwelgt in Jugenderinnerungen, als die Familie am Mittagstisch sass und die Grossmutter mit ihren Arancini das Paradies erreichte.