Kreuzfahrt ans Ende der Welt


Kreuzfahrt ans Ende der Welt


«Männer gesucht für gefährliche Reise bei schneidender Kälte, lang währender Dunkelheit, ständiger Gefahr und kleinem Gehalt. Sichere Rückkehr zweifelhaft. Bei Erfolg Ruhm und Ehre…» Als Sir Ernest Shackleton 1914 diese Zeilen in der Londoner «Times» aufgab, hatte er vor allem ein Ziel vor Augen: mit der Antarktisdurchquerung die britische Ehre wiederherzustellen, nachdem der Amerikaner Peary den Nordpol und der Norweger Amundsen den Südpol erreicht hatten. Weit kam Shackleton nicht, bald steckte sein Schiff im Eis, «festgefroren wie eine Mandel mitten in einem Riegel Schokolade», notierte der Proviantmeister Orde-Lee mit klammen Fingern im Tagebuch.

Anders als Shackleton reise ich nicht fürs Vaterland, um Besitzansprüche anzumelden. Auch möchte ich nicht zu Fuss die Antarktis durchqueren. Ich suche das Nichts, einen vom Menschen befreiten Flecken Erde. Müsste das nicht das Paradies sein? Ich reise auf einem Expeditionsschiff. Mein Kapitän heisst Felgner. Dass der Weg ins Paradies noch immer durch die Vorhölle führt, davon sagte er mir nichts.

Wir sind in Chile, in Puerto Williams, für einen letzten Landgang vor der viertägigen Überfahrt auf das antarktische Festland.

Kapitän Felgner tätschelt den abgesägten Schiffsbug der «Yelcho». Jeder Seemann sollte ihn einmal in seinem Leben berührt haben. Der Rettungsdampfer barg im August 1916 die Mitglieder der Shackleton-Expedition und ist die Attraktion des chilenischen Militärstützpunkts am Ende der Welt. «Shackleton war ein Versager», sagt Kapitän Felgner und hält sich an den dicken Ankerketten fest, «seine Ichbezogenheit liess ihn blind für die Realität werden.» Welcher Kapitän könnte es sich heute noch leisten, aus Ehrgeiz das Leben seiner Mannschaft aufs Spiel zu setzen? «Helden», murmelt der Mittvierziger verächtlich.

Eine Strasse entfernt zieht Proviantmeister Thiel einen Handwagen durch die Schlaglöcher. Thiel sucht Limetten, Caipirinha hat sich an Bord als beliebtes Getränk erwiesen. Alkohol ist genug vorhanden – 1200 Liter Spirituosen, 3000 Liter Wein und Sekt sind für 120 Passagiere im Proviant­raum verwahrt. Nur eben, die Limetten. Puerto Williams streitet sich mit dem argentinischen Ushuaia um den Titel der südlichsten Stadt der Welt. Viel Stadt gibt es hier aber nicht zu sehen. Staubige Strassen und eng aneinandergeschmiegte Wellblechhäuschen ducken sich unter einem Himmel aus Strom- und Telefon­kabeln. Neben Angehörigen der Marine hausen in aufgezwungener Sesshaftigkeit Nachkommen der Yamana-Indianer in einfachen Hütten, inmitten einer Kulisse aus dichten Wäldern und eiszeitlich gerundeten Bergen.

Im Hafen liegen die grauen Fregatten der chilenischen Marine. Dazwischen mit orangefarbenem Kamin beinahe unanständig bunt Kapitän Felgners Schiff. Wenn Shackleton es sehen könnte: Helikopterlandeplatz, Sauna, Club-Lounge, Bibliothek, Rettungsboote mit Motor, 12 Schlauchboote für Eissafaris, auf der Brücke Radar, Satellitennavigation, Autopilot.

Auch Shackletons «Endurance» war eine stattliche Erscheinung, ein kühner Dreimaster, der von einer 350-PS-Dampfmaschine angetrieben wurde. Auf Deck türmten sich die Kohlen. An der Rigg tropfte eine Tonne Walfleisch.

Proviantmeister Thiel rollt zwei Kisten Tomaten über die Gangway an Bord. «Vier Dollar das Kilo, kein Schnäppchen, aber fürs Ende der Welt fair.» Limetten fand er keine.

Um 2 Uhr in der Früh falle ich aus dem Bett. Und bleibe liegen. Orkan in der Drake-Passage. Wie ein Blatt Papier hebt mich das Schiff mit der Welle in die Höhe und lässt mich, bricht sie unter dem Bug, zurückfallen. Immer und immer wieder. Magen und Würde tragen einen ungleichen Kampf aus. Schiffsarzt Doktor Dietz ist im Dauereinsatz, verteilt Zäpfchen, setzt Spritzen. Im Schiff verbreitet sich ein beissend süsslicher Geruch.

An den Geländern in den mit rotem Teppich ausgelegten Gängen sind Kotztüten befestigt. Wer über den weichen Boden robbt, kann sie bequem erreichen. Sie entscheide nach Gefühl, wann Tüten notwendig seien, sagt die Hausdame, eine steife Kärntnerin. Des weiteren möchte sie nicht über Erbrochenes sprechen. Die philippinischen Zimmermädchen arbeiten während der Überfahrt mit Handschuhen und Desinfektionsspray. 1200 Kilometer misst der stürmischste Seeweg der Welt.

Ich lege mich zum Sterben in der Club-Lounge aufs Sofa. In meinen letzten Stunden möchte ich nicht allein sein. Doch es ist nur der Pianist da. Er spielt «Unforgettable» in Trekkinghosen. Die Bühnenhose zerriss er sich beim Anziehen vor dem Auftritt, als ihn eine Welle zu Fall brachte. Der braune Plüschvorhang, der die kleine Bühne markiert, schaukelt unermüdlich und ohne Taktgefühl.

Auf Shackletons «Endurance» war der Meteorologe Hussey die Bordkapelle. Der bearbeitete seine selbstgebaute einsaitige Violine oder zupfte Banjo, immer im Kombüsenzelt, damit seine Finger nicht so froren. Den Männern gefiel es, sie versammelten sich um ihn und sangen, während draussen der Sturm gegen das Schiff peitschte. Ihre Fahrt ging mühsam voran, bis sie schliesslich am 24. Januar 1915 im Packeis endete.

Kapitän Felgner drosselt aus humanitären Gründen das Fahrtempo. «Viel Glück», wünscht seine dunkle Stimme durch den Lautsprecher. Einen Meter nach vorn, eine Welle, einen halben Meter zurück. Wie viele Stunden hat eine Stunde? Windstärke 11, sieben Meter hohe Wellen. Wie auf breiten Highways rasen die Winde zwischen dem 50. und dem 70. Breitengrad in freier Fahrt durch die Drake-Passage.

Irgendwo da draussen ist Kap Hoorn. 15 000 Seemänner sollen bei der Umseglung ihr Leben gelassen haben. Himmel und Wasser mischen sich zu einer grauen Brühe. Drei Minuten hält es der Körper in diesem Eiswasser aus. Niemand an Bord vermisst Limetten.

Um 10 Uhr steht Kapitän Felgner in der Club-Lounge. Geschlafen hat er kaum. In der Nacht erreichte ihn auf der Brücke ein «Mayday»: Nur wenige Seemeilen entfernt kollidierte das Expeditionsschiff «Explorer» mit einem Eisberg. Zwei Passagierschiffe hätten bereits ihren Kurs geändert und eilten zu Hilfe, teilt er mit. 100 Passagiere und 54 Crewmitglieder sässen in offenen Rettungsbooten, aneinandergedrängt wie Pinguine während der Brutzeit, auf dem offenen Meer, mit harten Wellen aus allen Richtungen.

Sir Ernest Shackleton hatte ein Funkgerät an Bord. Niemand aus der Mannschaft traute diesem neumodischen Kram. Über eine Stunde drehten sie an den Knöpfen herum – nein, da war nichts zu hören, kein Empfang, nur Rauschen. Derweil rieben die Eisschollen die «Endurance» auf. Ende Oktober 1915 sank das Schiff. Shackleton und seine Männer hausten fortan auf einer Eisscholle.

Ich drücke mein Restgewicht gegen die schwere Tür hinaus zur Reling. Fein wie Nadelspitzen sticht der Regen in Hände und Gesicht. Das Schiff durchpflügt den Eisbrei. Es knarrt und kracht. Innerhalb einer Stunde kann sich ein Eisbild vollständig verändern. Bei einer Eispressung sitzt auch ein luxuriöses Expeditionsschiff mit höchster Eisklasse in der Falle. Und sehen lässt sich nur, was über dem Meeresspiegel schwimmt, die unterirdischen Ausmasse der Eisberge lassen sich mit keinem Messgerät feststellen, sondern nur erahnen. Was mag Shackleton gedacht haben, als erstmals ein Berg aus Eis auf ihn zukam? Wie fühlt es sich an, ins Ungewisse zu reisen?

Auch am nächsten Tag gleicht das Meer wieder einem pumpenden Herzen. Kapitän Felgner nimmt Kurs auf Deception Island. Schwach sind Umrisse einer Kraterinsel zu erkennen. Nur eine schmale Einfahrt führt ins Innere des eingestürzten Vulkans, und vor diese Einfahrt hat sich ein Eisberg gesetzt. Also weiter gen Süden, bloss hinaus aus dem Sturm.

Nötig wäre das nicht mehr. Der Körper ist zur Ruhe ­gekommen, der Blick folgt den Eisskulpturen, die wie die Kunstwerke eines Verrückten am Schiff vorbeiziehen – ein Affe hockt auf einer Faust, ein Schwan trägt Blüten auf dem Kopf, zwei ineinandergeschlungene Himmelspforten.

In der Club-Lounge bereitet ein Team von Wissenschaftern einen möglichen Landgang vor. Strenge Regeln sind einzuhalten: nichts Essbares mitnehmen, nichts wegwerfen, nichts einstecken, nicht auf Flechten treten, 5 Meter Abstand zu Pinguinen, 15 Meter zu Pelzrobben, keine Pinguinwege benutzen.

Zum Abendessen wird der Pianist an den Tisch eines Unternehmers mit Familie bestellt. Die Tochter ist jung, der Pianist gut aussehend. «Sagen Sie», fragt der Unternehmer den Pianisten, den Untergang des Expeditionsschiffs noch immer präsent, «dürften Sie eigentlich ins selbe Rettungsboot wie wir?» Es gibt gratinierte Jakobsmuscheln auf Pinienkernrisotto, danach marinierten Hasenrücken mit Sherrysauce auf Auberginenkompott und eine geeiste Dessertüberraschung.

Shackletons Mannschaft legte sich im ewigen Eis ­einen Vorrat an Fleisch und Tierfett an. Nach einer erfolgreichen Jagd gab es «gekochte Pinguinherzen, -lebern, -augen, -zungen, -zehen und weiss der Himmel was noch, mit ­einem Becher Wasser», um das Ganze hinunterzuspülen. «Ich glaube nicht, dass einer von uns heute Nacht Albträume wegen eines zu vollen Magens haben wird», notierte sich der Schiffszimmermann McNeish.

Auf stramme Winde folgt klare Kälte, und in der Ferne brechen hohe Berge aus dem Meer, grad so, als stünden die Alpen unter Wasser. Die Schlauchboote werden mit einem Kran hinabgelassen. Die Motoren gestartet. Am Strand versammeln sich die neugierigsten der Eselspinguine, andere ruhen auf ihren Kugelbäuchen und gucken in das gleissende Licht. Sie krächzen, stinken, und ihre weisse Brust ist verkleckert. Wer hier lebt, hat die Arche Noah verpasst. Wie lange mag man es am Ende der Welt aushalten?

«Als ich eines schönen Morgens erwachte, verspürte ich eine grosse Sehnsucht nach dem Geruch des taufeuchten Grases und der Blumen an einem Frühlingsmorgen», schrieb Shackletons Kapitän Worsley nach Monaten in der einsamen Welt des Eises; die Zivilisation indes, fügte er an, vermisse man kaum.

Von Gudrun Sachse, erschienen im NZZ Folio "Traumreisen", 2008.