Ein kleiner Spion


Ein kleiner Spion

Der Tag, an dem Eberhard Fätkenheuer von seiner grössten Lüge eingeholt wurde, begann mit einer kleinen. Fätkenheuer sagte seiner Frau Helma, er wolle Regale kaufen, gab ihr und dem Baby einen Kuss und fuhr aus Berlin Pankow los. In Magdeburg wartete ein Mädchen mit dunklem Haar. Die Sonne drückte durch die Wolken, der Geruch von Braunkohle lag schwer in der Luft und schützte die DDR, wie eine Glocke, vor dem kapitalistischen Westen. Auf der Albert-Vater-Strasse war wenig Verkehr. Vorne rechts sah er schon das Lehrlingswohnheim, in dem er seine Geliebte treffen würde, da zwang ihn ein brauner Wolga zum Anhalten. Männer stiegen aus. Er möchte mitkommen, zur Klärung eines Sachverhalts. Eberhard Fätkenheuer wechselte den Wagen. Der Türgriff innen war abmontiert. Sie holperten nach Berlin, über Kopfsteinpflaster, über die Betonplatten der Autobahn: ta tamm, ta tamm, ta tamm. Er sagte nichts, fragte nichts. Die Fahrt dauerte zwei Stunden und endete vor einer Villa in Ufernähe. An diesem 28. Juni 1979 wurde Eberhard Fätkenheuer von Beamten des Ministeriums für Staatssicherheit wegen Spionage festgenommen.

Er hat wenig von James Bond, wenn sich Eberhard Fätkenheuer auf der hellen Ledercouch im Wohnzimmer seines Berliner Reihenhauses ausstreckt. Er trägt Filzpantoffeln, und Pantoffeln liegen hinter der Eingangstür auch für Gäste bereit.

Wenn er ins Erzählen kommt, geht er grosszügig mit seiner Lebensgeschichte um. Er übergibt die Akten, die die Stasi über ihn führte, bietet an, selbst davon Kopien zu machen. Er dachte mal, James Bond zu sein. Fätkenheuer ist heute Fahrprüfungsexperte und nimmt blutdrucksenkende Medikamente.

Damals mit seinem Freund Karli in Balatonszemes, am Plattensee in Ungarn, das waren Tage, wie er sich ein Agentenleben vorgestellt hatte: ausschlafen, etwas Unterricht im Dechiffrieren und abends wilde Nächte mit Ungarinnen. Karli schenkte ihm einen Anzug – etwas ganz Feines aus dem Westen. Er sagte: «Jetzt wird aus dem Ost-Ebi ein West-Ebi.» 1975 wurde aus Eberhard Fätkenheuer der CIA-Spion mit dem Decknamen Helmut Prantel.

Fätkenheuer hatte Karli 1968 auf einer Zugfahrt nach Prag kennengelernt. Der österreichische Bäckermeister und der Ostberliner Ingenieur wurden Freunde. Die gemeinsamen Interessen waren rasch ausgemacht: Frauen und die Jagd. Karli schoss Wild, Ebi harpunierte Fische. Es gibt ein Foto, da sitzen sie bei Ebis Mutter am Tisch und essen einen Rehbock, den Karli selbst geschossen hatte. Auf einem anderen legt Karli den Arm um die Schulter des Freundes, der schaut keck, hat dunkle Haare, Koteletten in der modisch angesagten Länge. Als ihn Karli nach sieben Jahren Freundschaft fragte, ob er für den Westen in der DDR militärische Informationen sammeln würde – «es ist keine Gefahr dabei, dafür besteht die Möglichkeit auf Freiheit» –, schlug Ebi ein.

Karli verdiente sich mit der Anwerbung 15 000 Schilling, Eberhard Fätkenheuer bekam 6000 Ostmark, 50 Westmark, ein Konto im Westen und das monatliche Gehalt eines Soldaten. Es war nicht das Geld, das ihn gereizt habe, sagt er, sondern die Freiheit. Ein Zauberwort für ihn, den Gefangenen im eigenen Land, der im Geiste Tunnel gegraben und Heissluftballons konstruiert hatte. Mit Karlis Angebot konnte er zwei Sehnsüchte stillen: Freiheit und das Verlangen nach Anerkennung. Schon als Junge griff er zur Schere, um das beste Lederportemonnaie seiner Mutter in Riemen zu schneiden, damit ein Freund Leder für seine Steinschleuder bekam. «Das ist so ein Fehlverhalten von mir, eine charakterliche Fehlsteuerung.» Heute drängt der 62-Jährige auf einen Besuch im Keller, damit man seine Harpunen betrachten möge. Er spricht von seinen besten Fängen und sagt: «Das ist Ebi in Action.»

In den Stasi-Akten steht über sein Treffen mit Karli: «Der Angeklagte nahm von Karl G., der unter dem Decknamen Max fungierte, folgende nachrichtendienstliche Hilfsmittel entgegen und schleuste sie in die DDR ein: ein Kofferradio Grundig mit Ohrhörern, in einem als Stullenbrett getarnten Container versteckt ein Codebuch für die Dechiffrierung von Funksprüchen. Dazu fünf Blatt Geheimpapier für das Schreiben von Geheimbriefen.» Karli sagt heute: «Ich hab es ihm angetragen, nichts weiter. Und ich habe ihm geraten, es nicht zu tun.»

Ebi zog los. Eine Frau im Arm, ein Körbchen in der Hand. Mal ging er mit Sigrid Pilze sammeln, die nicht wusste, dass Ebi beim Kuss an ihr vorbeischaute und Raketen zählte. Ein andermal adressierte Angela für ihn Briefumschläge an eine erfundene Tante. Ihre Handschrift sei so viel schöner, sagte Ebi. Auf einem Spaziergang mit Petra zählte er die Köpfe von Soldaten der Nationalen Volksarmee, er achtete auf den Zustand der militärischen Fahrzeuge, merkte sich die Fahrtrichtung, den Ort und die Zeit, er zählte Achsen und Waffen. Ebi wurden über Kurzwelle Zahlenkolonnen durchgesagt. Er dechiffrierte am 6. Dezember 1975: «Fröhliche Weihnachten. Wir freuen uns auf deinen ersten Brief im Januar. Berichte darin über die Qualität des Empfangs. Ende.» Eberhard Fätkenheuer war ein kleiner Spion. Einer unter vielen, die in der DDR für westliche Geheimdienste mit ihren Informationen Puzzleteile für den Kalten Krieg lieferten. 1977 heiratete Eberhard Fätkenheuer. Seine Frau Helma wusste nichts von seinem Doppelleben. Karli war der Trauzeuge. Ihre Wohnung im Erdgeschoss in Berlin Pankow war düster. Ein Fenster zum Innenhof, in den sich kein Sonnenstrahl verirrte, ein Fenster zur Strasse. 33 Quadratmeter. Es war eng für Helma, die ihr erstes Kind erwartete, und für Eberhard, der nicht wusste, wohin er sich zurückziehen sollte, um seine Nachrichten abzuhören. Er fragte Helma: «Musst du nicht mal an die Luft?» oder zog sich gespielt beleidigt zurück: «Ich brauche meine Ruhe.» Ebi arbeitete zu der Zeit als Abteilungsleiter beim Autoservice Berlin, fuhr einen grauen Wartburg Tourist. Es mangelte ihnen eigentlich an nichts. Ebi war recht, dass Helma noch immer nichts ahnte: «Ich wollte ja nie jemanden in die Sache hineinziehen.»

Er sagt, er habe keine Angst gehabt, sah das Ganze als Spiel, das er beherrschte: «Anderen Informationen vorzuenthalten, läuft bei mir skrupellos ab.» Er merkte nicht, dass er längst von der Stasi observiert wurde. «Ich war wohl naiv.» Aber die seien auch gut gewesen, die Leute von der Staatssicherheit, sagt er. «Besonders so ein Oberleutnant Kannengiesser.» Der kam dank Fätkenheuer im Osten herum – bis in die Tschechoslowakei und nach Ungarn –, wenn er ihm und seinen Frauen folgte. In den Stasiunterlagen steht: «Sind jetzt im Busch und haben Geschlechtsverkehr.»

Irgendwann, er weiss nicht mehr genau wann, weihte Eberhard Fätkenheuer seine Frau in sein Doppelleben ein. «Aus Geltungsdrang», sagt er, «und aus Bequemlichkeit.» Er erzählte Helma von der Freiheit, vom Leben im Westen, das sie beide haben könnten. Sie wurde wütend und dann zu seiner Hilfskraft. Sie reihten nun gemeinsam Zahlenkolonnen, holten bei einem Spaziergang aus einem toten Briefkasten ein Heft über russische Militärtechnik. Interessanter wurde die Tätigkeit auch zu zweit nicht.

In seinen Stasi-Akten steht: «Ende 1978 teilte Fätkenheuer in einem Geheimbrief mit, dass er seine Arbeit einstellen möchte, da der Ertrag in keinem Verhältnis zu der zu erwartenden Strafe stehen würde.» Am 14. Januar 1979 kam die Antwort aus dem Westen: Der Kontakt zu Karl G. werde unterbrochen, er solle alle Unterlagen vernichten. Die Stasi hatte zu der Zeit die Wohnung längst verwanzt. Sein Freund Karli sagt heute: «Ich hatte mit seiner Spionagetätigkeit gar nichts zu tun. Ich wusste doch nicht mal, dass ich Eberhard für den CIA angeworben hatte – das hätten auch die Engländer sein können. Gefragt habe ich die nicht.»

Eberhard Fätkenheuer wurde in die Villa geführt.

«So, dann berichten Sie mal über Ihre nachrichtendienstliche Tätigkeit», sagte der Mann, der das Tonbandgerät einschaltete.

«Nachrichtendienstliche Tätigkeit?»

«Ist Ihnen ein Karl G. ein Begriff?»

«Karl G.?»

«Wir brauchen Sie nur als Informanten, möglich, dass wir Sie laufen lassen.»

Und Eberhard Fätkenheuer, der kunstvoll lügen konnte, blitzschnell herausfand, wie viel der andere wusste, und darum herum eine neue Geschichte erfand, um ja nicht als Nichtsnutz dazustehen, merkte, dass es nichts mehr zu erfinden gab, und gestand. Es wurde Nacht. Er nickte auf dem Stuhl kurz ein. Er war kein Held. Er war erschöpft. Eberhard Fätkenheuer, 35 Jahre alt, wurde wegen Spionage zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren verurteilt.

Die ersten Monate verbrachte er in einer Einzelzelle, die nur ein kleines Fenster aus Glasbausteinen hatte. Nicht mal ein Fetzen Himmel war zu erkennen. Die letzten Jahre lebte er, als einziger Nichtraucher, in einer Neun-Mann-Zelle. «Dir kann nichts geschehen – und falls doch, holen die dich raus», hatte Karli gesagt. Aber Fätkenheuer wurde vergessen. Er hatte eine Tomatenpflanze, die er goss, an der er zupfte. Sechs Jahre lang.

Er schaufelte Kohlen, als ihn ein Aufseher ins Büro des Direktors holte. Der fragte: «Wollen Sie nach Amerika oder nach Hause zu Frau und Kind?» Fätkenheuer war unsicher – «ehrlich sitzt am längsten», hiess es die letzten Jahre im Knast –, er hielt es für eine Falle. Schliesslich sagte er: «Ich will zu Frau und Kind. Was soll ich denn in Amerika?»

Eberhard Fätkenheuer stand auf einer Tauschliste der DDR, die Namen von Inhaftierten, von den Amerikanern vergessenen «Mitarbeitern», enthielt. Es vergingen Monate, ehe die CIA zugab, dass es sich wirklich um ihre Agenten handelte. Ihre Inhaftierungen waren von einem Mitarbeiter der CIA verheimlicht worden, damit er weiter deren Gehalt für sich beziehen konnte. Dann ging es schnell.

Auf der Glienicker Brücke in Berlin kam es am 11. Juni 1985 zum bisher grössten Agentenaustausch in der Geschichte des Kalten Krieges.

Der Morgen war kühl. Fätkenheuer schaute durch die milchigen Scheiben des Busses, der ihn und weitere 22 Mitarbeiter amerikanischer Geheimdienste im Austausch gegen 4 Ostagenten in den Westen bringen sollte. Es ist ein Handel wie auf dem Markt: 23 Sprotten gegen 4 Störe. Er fühlte sich wertlos, durchgekaut und ausgespuckt. Was würde ihn erwarten? Immer wieder sah er die Bilder vor sich, die ihm in seiner Heimat über den kapitalistischen Staatsfeind gezeigt wurden: Ein hungriger Mann geht zum Kühlschrank, öffnet ihn und findet nichts zum Essen. Im Westen, so wurde ihm gelehrt, regiere das Elend. Er hielt 500 Westmark als Starthilfe in den Händen. Lieber wäre ihm die Hand seiner Frau gewesen, doch Helma kam nicht mit ihm mit. Er hatte es eben erfahren. Sie lebte mit seinem Sohn bei einem anderen Mann. Auch Helma Fätkenheuer war von der Stasi verhaftet worden. Sie leugnete bei den Verhören hartnäckiger als ihr Mann. Über Wochen gab sie an, nichts von einer Spionagetätigkeit zu wissen. Das hatte Ebi ihr so beigebracht. «Wenn dich jemand fragt, du weisst von nichts.» Sie setzten sie unter Druck, indem sie ihr den Sohn wegnahmen. Dass ihr Junge bei ihren Eltern untergebracht worden war, erfuhr sie erst Wochen später. Eineinhalb Jahre war sie in Haft.

Damals hatte Helma noch braune Locken. Jetzt im Wohnzimmer des Berliner Reihenhauses ist sie blonder geworden. Obwohl sie ihrem Mann eigentlich nicht hatte folgen wollen, kam sie drei Wochen später mit ihrem Sohn nach. Man hatte eine gemeinsame Geschichte.

«Ich hoffe, es ist Ihnen recht, dass ich meine schwarze Seele vor Ihnen ausgebreitet habe», sagt er und fragt: «Aber nur weil ich ab und zu etwas verheimliche, bin ich doch kein schlechter Mensch?» Die Frage ist rhetorisch gemeint. Er erwartet keine Absolution. Er hat sich an die kleinen Lügen gewöhnt, die Täuschungen, die ein erlaubtes Mittel zu anderen Zwecken sind. Sie kommen ihm leichtfertig über die Lippen. Nicht, dass er gern lüge. «Nein, so pervers bin ich nicht.»

Seine Lügen seien eine Notwendigkeit. Die Gene. Die Umstände. Dass er in seinem Leben auch oft belogen wurde, macht ihm wenig aus. Karli verübelt er nichts: «Seelisch zugrunde gerichtet habe ich mich selbst mit meinem Entscheid, das machen zu wollen.» Seelisch zugrunde gerichtet sieht er eigentlich nicht aus, wenn er von seinen Freundschaften und Jagdausflügen erzählt.

Das Gefühl, beim Lügen erwischt zu werden, ist Eberhard Fätkenheuer vertraut. Aber trotz Routine sei dieser Moment jedes Mal traumatisch. Er versucht sich dann hinauszuwinden, und sei es, indem er abzulenken versucht, indem er sein Handy durch die Scheibe schmeisst, um seiner Wahrheit Nachdruck zu verleihen. Das hilft – manchmal.

Auf der Terrasse ihres Reihenhauses hat Fätkenheuer seiner Frau kürzlich gestehen müssen, dass er sie erneut betrogen hat. Sie schlug ihm die Brille aus dem Gesicht.

Dabei hatte er alles detailliert vorbereitet, es war die nahezu perfekte Lüge: Er ginge vier Tage seine kranke Mutter pflegen, sagte er zu Helma. Seine Mutter war so krank wie immer – schwerhörig und launisch. Er blieb zwei Tage, dann flog er zu seiner Freundin an den Bodensee. Seine Mutter instruierte er, den Telefonstecker, den er herausgezogen hatte, nicht vor übermorgen wieder in die Dose zu stecken. Doch Mutter tat nicht, wie ihr gesagt. Es klingelte. «Eberhard? Der ist schon seit zwei Tagen nicht mehr bei mir», sagte sie zu Helma.

Die Brille ging kaputt. Er überlegte sich, sie über die Versicherung des Nachbarn abzurechnen.

Von Gudrun Sachse, erschienen im NZZ Folio "Lügen", August 2006.