Der Frauenversteher


Der Frauenversteher

Von der satinüberzogenen Fersenkuppe, weit über dem Boden, ergiesst sich eine Schleife in Schwarz und Crème, üppig und wild, wie die Federn eines Auerhahns. Der Schuh, den Christian Louboutin leicht in der rechten Hand wiegt, ist sein Liebling der jüngsten Kollektion. Er hat ihn eines Nachts erschaffen, Monate später freigegeben, auf dass er sich seine eigene Geschichte suche: an den Füssen der Tänzerin Dita von Teese, wenn sie aus einem mit Schaumbad gefüllten überdimensionierten Sektglas steigt, oder an den Füssen Nicole Kidmans auf dem roten Teppich bei der Oscar-Verleihung. Christian Louboutin kümmert das dann nicht mehr: «Ich lese keine Modemagazine, all diese Diven, furchtbar.»

Umso mehr Colette, die Presseverantwortliche, die in der Früh die «Vogues» und «Marie Claires» sichtet und darin Schuhe mit roten Sohlen (Louboutins Markenzeichen, das ihm einfiel, als sich eine Assistentin die Fingernägel rot lackierte) mit Post-it markiert. Bis vor kurzem war der Name Christian Louboutin noch ein gut gehütetes Geheimnis der Couture-Welt – heute geniesst er höchste Verehrung. Er sei ein Magier, sagt die Modedesignerin Diane von Fürstenberg über den 44-Jährigen. «Er versteht die Frauen und lässt sie zu Prinzessinnen werden.» Die Post-it-Zettel kleben dicht an dicht.

Christian Louboutin wirft den Schuh auf den Haufen, zu den anderen, die den Boden des Showrooms bedecken, des Zwillings beraubt, der irgendwo unter ihnen begraben liegt. Simple Modelle aus schwarzem Lack, blauweisse Pumps, aber auch mehrere tausend Euro teure Meisterwerke mit Pfauenfedern, die ein Rad um die Fessel der Trägerin schlagen, aus Straussenleder in den Farben der Tricolore, mit Pailletten in den Farben des Regenbogens, die sich wie das Netz einer Spinne über die Stiefelette legen. Federn, Nieten, Edelsteine, Seide, Alligator, Python – alles, ausser geschützte Tierarten, «ich will doch keinen Ärger mit Brigitte Bardot».

Nach dem ersten Schluck des Petit Café schlüpft Christian Loubotin aus seinen Wildlederschuhen – wie ein Kind, dem sie lästig sind – und zieht die Beine an den Körper. Er sitzt auf einem nachtblauen Samtdiwan, hinter ihm hängt an der Wand ein Kelim, sein dunkler Teint lässt sein akkurat geschnittenes weisses Bärtchen noch heller leuchten. Louboutin sieht aus wie ein maurischer Prinz, seinem Märchen entstiegen.

Er ist mit vier älteren Schwestern in einfachen Pariser Verhältnissen aufgewachsen. Heute besitzt er ein Haus in Kairo, ein Schloss in der Bretagne («ach, das ist nur so ein Wochenendding»), und in Paris lässt er sich ein Appartement bauen. Oft schläft er in seinem Atelier, das sich über dem Showroom befindet. Und auffallend oft träumt er dort von Schuhen, immer die schönsten Träume, sagt er und zieht bei «toujours» die letzte Silbe in die Länge – mehr charmant als exaltiert.

Seine Geschichte beginnt, als er 10 Jahre alt ist. Bei ­einem Besuch im Musée des Arts océaniens fiel ihm ein Verbotsschild für Schuhe mit Pfennigabsatz auf. Die Form des kleinen, spitzen Absatzes, der sich gnadenlos in jedes Parkett bohrt, faszinierte ihn so sehr, dass er seine Schulzeit damit verbrachte, diesen Absatz in seinen Heften und auf den Schultischen nachzuzeichnen.

Als 16-Jähriger verlagerte er seine Schuhobsession auf die Showgirls der Pigalle. Mit eigenen Tanzschuhentwürfen zog er durch die Variétés und Clubs, bekam einen Kniff in die Wange und immer nur zu hören: «Dafür haben wir kein Geld, Süsser.» Ihm blieb, ihre Schuhe zu reinigen und den Laufburschen zu spielen, wenn die Tänzerinnen nach hauchdünn geschnittenem Fleisch verlangten, um damit die schlimmsten Druckstellen in ihren Schuhen auszupols­tern. Heute entwirft Christian Louboutin für die Tänzerinnen des «Crazy Horse» und hat statt Fleisch kleine Kissen, «mehr oder weniger in Carpaccio-Dicke», in die Schuhe eingearbeitet. Die Tänzerinnen, schwärmt er, keine anderen Frauen gingen so elegant auf hohen Hacken. Wenn sie sich im Showroom zur Anprobe treffen, stehen sie barfuss ebenso elegant da, als trügen sie Absätze.

Sie meinen, die Wadenmuskeln der Tänzerinnen sind so verkürzt, dass sie nicht mehr normal auftreten können? – «Ja. Eigentlich schrecklich. Darum sage ich immer: Nie ausschliesslich ein und dieselbe Absatzhöhe tragen.» – Auf zwölf Zentimeter hohen Absätzen ist jeder Schritt eine Qual. – «Von einem Highheel kann man nicht den Komfort eines flachen Schuhs erwarten, das ist kein Pantoffel. Aber ich glaube auch nicht, dass man leiden sollte, um schön zu sein.» – Gibt es tatsächlich Frauen, die sich Botox in die Ballen spritzen lassen, um es länger in Highheels auszuhalten? – «In England und Amerika. Ich halte das für sehr gefährlich, weil man nicht weiss, wie es sich aufs Gleichgewicht auswirkt. Gerade bei hohen Schuhen tritt der Fuss nur auf ­wenigen Punkten auf, und wenn die dann noch gefühllos sind? Ich kann davon nur abraten.» – Schuldig fühlen Sie sich aber nicht? – «Schauen Sie hier, ich entwerfe auch ­flache Schuhe.»

Christian Louboutin, sehr gelenkig, wühlt mit beiden Händen im Haufen nach Beispielen seiner absatzlosen Schuhkreationen. Der Prozess des Entwurfs sei derselbe, sagt er: «Ich zeichne den Schuh mit Absatz und schneide den Absatz dann ab. Voilà.» Er hält eine flache Sandalette in die Höhe.

Mit 18 schlug er die Gelben Seiten von Paris auf und wählte die Nummer von Balmain, dann die von Dior – wo er mit der Direktorin verbunden wurde und nach einem kurzen Gespräch einen Ausbildungsplatz bekam. «Heute würde man nicht mal mehr den Portier zu sprechen bekommen.» Er lernte weitere Jahre bei den Grossen in der Branche: Charles Jourdan, Maud Frizon, Yves Saint Laurent und Chanel. Nicht nur Design, auch Technik. Schliesslich ist jeder Entwurf ein Zusammenspiel von Inspiration und Machbarkeit. «Ich bemühe mich aber, beim Entwurf sämtliche technische Bildung zu vergessen», sagt Louboutin. «Als ich bei Jourdan in der Ausbildung war, kam ein Techniker und erklärte mir stolz, dass dieser Absatz, den er eben entwickelt habe, nur von einem Nagel gehalten werde. Das ist ja schön und gut, aber er war so hässlich. Lieber zeichne ich etwas, das unmöglich ist, und passe es später an, als mich durch die Technik zensieren zu lassen.»

Christian Louboutins bedingungslose Liebe zu Schuhen wurde ihm im Verlauf seiner «Gefangenschaft als Angestellter» ausgetrieben. Kurze Zeit arbeitete er als Landschaftsarchitekt, ehe er beim Kauf einer Lampe auf einen leer stehenden Laden aufmerksam gemacht wurde. 1992 eröffnete er sein eigenes Geschäft in einer ruhigen Seitenstrasse unweit des Louvre. «Ich war immer schlecht, wenn ich Strukturen ausgesetzt war, die mich kontrollieren wollten. Die Leistungsfähigkeit in so einem Beruf kann erst durch Freiheit und Leidenschaft entstehen.»

Er begann mit 300 Paaren jährlich, heute sind es um die 30 000 («so genau weiss ich das nicht»). Er hat eine Fabrik in Mailand, Läden in New York, London, Los Angeles, Moskau und noch immer seinen ersten Laden in Paris, gleich gegenüber Atelier und Showroom in der Rue Jean-Jacques-Rousseau. Ausgerechnet Rousseau. Hielten doch mit dessen Ideen auch die Sandalen und Schlupfschuhe in Paris wieder Einzug und setzten den Zeiten des Trippelns auf hohen Stöckeln ein Ende. In dieser Rue zeigt Louboutin seine verruchten Kreationen, die wie stolze Vögel im Schaufenster thronen oder sich in maurischen Nischen, gewärmt von roten Lämpchen, eingenistet haben.

Louboutin ist nur noch selten in seiner Boutique. Vor allem amerikanische Kundinnen neigten zur Hysterie, wenn er sich hinkniete und ihnen die Riemchen schloss, hatte Colette verraten und gesagt, dass ihr Chef das abstreite, da er sehr bescheiden sei. – Werden die Damen nervös, Monsieur Louboutin? – «Ach was», sagt er und lächelt.

Dabei handelt es sich bei diesem Laden wahrhaftig um ein Märchenland, ob mit oder ohne Prinz. Arglose Passantinnen bleiben wie vom Lebkuchen verführt vor dem Geschäft stehen, schweben über die Türschwelle, streichen drinnen über den Samt des 12-Zentimeter-Absatzes und wissen, nichts wird sein wie zuvor. Stehen sie in diesem Schuh, formt er aus ihrer Silhouette ein Vollweib. Wie war das doch damals, als man mit fünf Jahren in die Pumps der Mutter schlüpfte und mit den kleinen Füssen sofort in der Kuppe verschwand. Stolz zog man sie über den Steinboden, knickte ein und schlurfte, und doch fühlte es sich gut an – nach dem Abenteuer, erwachsen zu sein.

«Frauen, die ihre Weiblichkeit lieben, die sagen: Ich bin eine Frau und stolz darauf, das sind meine Kundinnen.» – Was sagen Sie Frauen, die Ihre Schuhe als Werkzeuge der Unterdrückung klassifizieren? – «Ich bitte Sie, das ist veraltet, ich habe keine Ahnung, wie die überhaupt sagen können, Frauen in Highheels seien Sklavinnen. Ich glaube nicht, dass sich Frauen zu Sklavinnen machen lassen.»

Louboutins Absätze sind schlicht und schlank. Er spielt nicht wie Designerkollegen, die Kugeln oder Zylinder unter der Sohle fixieren. «Damit die Frau das Wichtigste bleibt. Eine einfache, klare Linie soll die Persönlichkeit unterstreichen und sich nicht in den Vordergrund drängen. Schon Dior sagte über die Mode der 1950er Jahre, dass sie die Eigenart der Trägerin reflektieren solle.» – Ist Schuhdesign nicht ein ziemlich begrenztes Feld? – «Einen Löffel zu entwerfen, ist noch begrenzter, aber das hindert nicht daran, ewig an dieser Form her­umzuexperimentieren.»

Seine Ideen entnimmt er dem Alltag, der Gang einer Frau inspiriert ihn ebenso wie ein Tischbein im Restaurant oder der Schleiertanz in einem Bollywoodfilm, der zu einem Schuh mit drapiertem Chiffon führte. Zwei Kollektionen entwirft Louboutin jährlich, jede besteht aus mindestens einhundert Paaren. Was noch nicht zur Perfektion ­gereift ist, seinen Ansprüchen nicht standhält, wird peu à peu weiterentwickelt und findet sich in einer späteren Kollektion wieder.

Dass er sich nicht drängen lässt, unterstreicht er mit seiner ruhigen Pose. Als wäre er der Wächter des Schuhhimmels auf Erden. – Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Entwürfe, gibt es Skizzen und Fotos? – «Ich wurde zu schleichend berühmt, als dass ich es je als zwingend empfand, etwas davon aufzubewahren.» Nach einem kurzen Augenblick fügt er an: «Ich würde viel dafür geben, die Skizzen zu sehen, die ich mit 13 gezeichnet habe.» – Haben Sie sich nie gefragt, ob es nichts Wichtigeres gibt, als Schuhe zu entwerfen? – «Sicher, aber im Grunde ist doch alles unnütz, ausser schlafen und essen.» – Sie finden Ihre Schuhe unnütz? – «Natürlich. Aber ich glaube ja auch nicht, dass die Welt voll nützlicher Dinge sein sollte. Ich hatte eine Kundin, die schlüpfte in ein Modell aus pinkfarbenem Crêpe de Chine, oben war ein Pompon drauf. Sie betrachtete sich lange im Spiegel, und plötzlich rief sie: ‹O mein Gott, dieser Schuh ist so nutzlos, den muss ich haben.›»

Von Gudrun Sachse, erschienen im NZZ Folio "Schuhe", 2007.