Varnas verlorene Unschuld


Varnas verlorene Unschuld

Die Stadt Varna liegt im nördlichen Teil der bulgarischen Schwarzmeerküste, einer weiten, grünen Gegend, die für Einheimische die schönste des ganzen Landes ist. In der Stadt, gut 100 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt, mit ihren bunten Jugendstilhäusern und den sauberen Parkanlagen glaubt man sich wesentlich weiter westlich. Immerzu weht ein leichter Wind, und der Himmel ist von einem satten Blau.

Die Bewohnerinnen tragen sehr kurze Röcke und hohe Stiefel oder Kittelschürzen und Wolljacken. Allerorts trotten Hunde umher mit roten und gelben Marken in den Ohren, die sie als geimpft und kastriert ausweisen. Wohlgenährte Katzen sitzen neben den Mülltonnen.

Abends wird die Stadt beleuchtet. Der Bürgermeister hat das kürzlich beschlossen. Pünktlich um viertel vor acht Uhr gehen die Lichter an und hüllen die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kathedrale in ein warmes Licht. So zumindest im April, wenn die 500 000 Einwohner zählende Stadt noch ruhig ist und die Strassen wenig befahren sind. Im Hochsommer wächst Varna auf die doppelte Einwohnerzahl an. Touristen belagern die Strände, essen und, vor allem, trinken, weil es hier so günstig ist. Sie werden in Hotels am Strand einquartiert, in denen sie auf die zum Trocknen aufgehängte Badehose auf dem Nachbarbalkon blicken. Diese Ferienanlagen mit Ballermann-Feeling liegen abgeschirmt von den unberührten Naturstränden, in deren Umgebung Eichen wachsen, Vögel nisten, Schildkröten ihre Eier legen. So macht man schon seit Jahrzehnten Ferien an Bulgariens Schwarzmeerküste. Doch so soll es nicht bleiben.

An der 380 Kilometer langen Küste Bulgariens sind Luxusresorts mit Golfplätzen, Touristenstädte und Privatvillen mit direktem Meerzugang zu Hunderten geplant oder bereits im Bau. Kräne strecken ihre Arme aus. Die Fischer, die für die 400 Appartements der Luxusanlage «South Bay Beach Resort» in Varna mit Meerblick aus dem Whirlpool ihre Hütten aufgegeben haben, wohnen provisorisch am Strand.

Für Unbehagen unter den Naturschützern sorgte der Plan einer 219 Hektaren umfassenden Überbauung des britischen Architekten Sir Norman Foster am Strand von Karadere südlich von Varna. Das sogenannt CO2-neutrale Luxusresort umfasst fünf neue Hügelstädte, künstliche Seen, ­einen Hafen und riesige Freizeitgebiete. Es wird dank ­Bioenergie selbstversorgend sein, sagen die Entwickler. Unfug, sagen die Umweltaktivisten. Wo 15 000 Menschen lebten, sei die einmalige Landschaft für ­immer verloren. Zudem werde das Projekt einen ökologisch katastrophalen Effekt auf das Gebiet haben, das unter dem Schutz des ­Natura-2000-Programms der EU steht; sein Ziel ist es, gefährdete Lebensräume zu schützen. Der schale Beigeschmack aber rührt daher, dass das Projekt in Bulgarien von Georgi Stanischew geleitet wird, dem Bruder des bulgarischen Premierministers Sergei Stanischew.

Der Naturschützer Iwo Iwanow schätzt, dass es in fünf Jahren kaum einen Ort an der Küste geben wird, der von dem Bauangriff verschont geblieben ist. Zu dieser Entwicklung fallen ihm nur zwei Worte ein: Korruption, Mafia. Iwanow trägt Brille, ein kariertes Hemd und kräftiges Schuhwerk. Wir fahren aus Varna hinaus, übers Land an blühenden Pfirsichbäumen vorbei, zum Strand. «Wir stehen hier im Wald», sagt der 32-Jährige emotionslos. Im Wald? Vor dem moosig überwachsenen Sand liegt ein endloser Küstenstreifen, die Wellen kräuseln sich, in der Ferne schwimmen Delphine. Das Vorgehen sei simpel, erklärt Ivanow: Der an diesem Grundstück mit Meeranstoss Interessierte kauft sich ein Waldstück derselben Grösse irgendwo im Hinterland Bulgariens. Beim Umweltministerium bietet er einem dort arbeitenden Freund ein Geschäft an: Erkläre mir das Stück Strand zu Wald, und dann tauschen wir Waldstück am Meer gegen Waldstück im Hinterland. Dieselbe Fläche zum offiziell selben Preis; faktisch hat das Grundstück am Meer den x-fachen Wert. Mit dem Gewinn aus einem Weiterverkauf können problemlos Schmiergelder für alle am Geschäft beteiligten Personen bezahlt werden.

Iwanows Mitstreiterin Anna, eine Biologin, schlüpft auf den Dünen aus ihren Ballerinas, um barfuss über den bereits warmen Sand zu gehen. Als Kind kam sie im Sommer hierher zum Baden. «Bald fahren die Bagger auf und zerstören ein weiteres Paradies.» Sie spricht ­vorwurfslos und ­lächelt gerne und oft, anders als Iwo, der diesen Strand, Kamchija, als Paradebeispiel für die von ihm beschriebenen «Schmiergeldgeschäfte» gewählt hat.

Derzeit gebe es in Bulgarien auf dem Gebiet der Korruption zwei Trends, sagt Ruslan Stefanow, Antikorruptionsexperte des unabhängigen Forschungsinstituts Zentrum für Demokratiestudien in Sofia: Landtausch zwischen der Regierung und Privatpersonen und die Erschaffung von Quangos, «beinahe NGO», die von Behörden erfunden werden, um öffentliche Gelder zu erhalten.

Die wenigen seriösen NGO bilden eine kleine, aber entschlossene Gemeinschaft, die sich übers Internet austauscht und koordiniert. Iwanows bevorzugte Waffe ist das Gespräch mit Behörden, sind Briefe an die EU-Kommissionen, selten Demonstrationen, die nur belächelt würden. Umweltverträglichkeitsprüfungen seien zwar vorgeschrieben; aber in den letzten zwei Jahren sei keine einzige für ein Investmentprojekt negativ ausgefallen – «kein Zufall», sagt Iwanow. Hört man seinen Erzählungen zu, dann glaubt man das ganze Land in einer einzigen Verschwörung. An der Küste Bulgariens, an den karstigsten Stellen, wurden Teile von Karl Mays «Winnetou» verfilmt. Es steckt noch viel Wilder Westen in diesem Land. An den Eingangstüren von vielen Restaurants und Bars prangen Aufkleber, die es verbieten, Schusswaffen und Hunde mit ins Lokal zu nehmen.

500 Jahre lang waren die Bulgaren unter türkischer Herrschaft und damit bis 1878 fast vollständig von den westeuropäischen Nachbarvölkern abgeschnitten. Nach einer Zeit der Monarchie wurde das Land nach 1945 zu einer Volksrepublik nach sowjetischem Muster. Im Westen nannte man Bulgarien «den treusten Vasallen der Sowjetunion».

Aussenpolitisch hatte sich das Land eng an die UdSSR gebunden, der Lohn dafür waren tiefe Rohstoffpreise, die Bulgarien zu einem der prosperierendsten Ostblockländer machten – Menschenschlangen vor den Läden kannten die Bulgaren nicht. Nach dem Sturz des kommunistischen ­Diktators Todor Schiwkow 1989 kam es zu zahlreichen Regierungswechseln, doch weder die Sozialisten noch die Konservativen konnten die Inflation und den Zerfall des Lebensstandards stoppen. Dass heute so viele Bulgaren mit ihrem Leben unzufrieden sind, liegt auch an dem offen zur Schau gestellten Luxus der Neureichen. Sie sind die Gewinner der Wende, sie verkaufen keine zu Sträussen gebundenen Gartenblümchen in den Einkaufspassagen, um ihre Renten aufzubessern, sondern fahren in schwarzen Mercedes-­Limousinen zu den angesagtesten Clubs. Der grösste Teil von ihnen kam durch die Privatisierung des ehemals staatlichen Eigentums zu Reichtum.

Zu den Gewinnern zählt auch der Teil der politischen Führungsschicht, der es schaffte, politische in wirtschaftliche Macht umzumünzen. Dass sich in den letzten Jahren elf Regierungen und sechs Parlamente abgelöst haben, ist Ausdruck des nicht vorhandenen Vertrauens in die Politiker. Es ist auch 2009 nicht gegeben; obwohl sich die öffentliche Aufmerksamkeit inzwischen vermehrt auf die Bekämpfung der Korruption und der organisierten Kriminalität richtet.

Bei den letzten Wahlen im Juni 2005 gewann die Sozialistische Partei Bulgariens die Mehrheit und regiert seitdem unter der Führung des Ministerpräsidenten Sergei Stanischew in einer grossen Koalition mit der Partei der türkischen Minderheit und der Partei des ehemaligen Königs Simeon II. Seit erstmals in der Geschichte der EU einem Mitgliedstaat eine beträchtliche Summe an Fördergeldern «wegen Unregelmässigkeiten bei der Verteilung» gestrichen wurde, ist Bulgarien als «korrupt» gebrandmarkt, trotz grossen Anstrengungen, den Wildwuchs in den Griff zu bekommen.

Der Antikorruptionsexperte Ruslan Stefanow schätzt, dass in Bulgarien bei öffentlichen Aufträgen ein Viertel der Gelder durch Korruption verloren gehen. Zwischen 2007 und 2013 soll Bulgarien 7 Milliarden Euro an EU-Strukturhilfe erhalten. Sie ist für Schlüsselsektoren wie Infrastruktur, Regionalentwicklung, Umwelt und Energie vorgesehen. Durch diese finanziell einträglichen Grossprojekte verschiebe sich die Korruption auf höhere politische Ebenen, «dorthin, wo öffentliche Aufträge vergeben werden». Die Immobilienbranche sei einer der lukrativsten Zweige für Geldwäscherei und Schwarzgeld. Ein besonders hart umkämpftes Gebiet sei die Schwarzmeerküste – «mit der vermutlich höchsten Korruptionsrate des Landes», sagt Stefanow. Er erinnert an die Ermordung des Vorsitzenden des Stadtrats der Schwarzmeerstadt Nessebar. Dimitar Jankow war vor zwei Jahren mit sechs Kopfschüssen hingerichtet worden, «er war für die Kontrolle der Baubewilligungen zuständig».

Es gibt knusprig gebratenes Schwein und Huhn aus einer schweren Kupferpfanne. Dazu Schopska-Salat mit hartem Fetakäse und Wassergläser voll Rakia, einem gelb schimmernden Schnaps aus Weintrauben. Das Lokal etwas ausserhalb des historischen Stadtzentrums von Varna ist eine aus Holzbrettern zusammengenagelte Hütte. Kürzlich sei hier ein Opa auf dem benachbarten Parkplatz mit seinem Auto in die Wand gefahren, worauf sie eingestürzt sei. Doch anstatt sich aufzuregen und nach der Polizei zu rufen, trank man einen Schnaps, um den Opa wieder auf die Beine zu bekommen, erzählen Einheimische beim Abendessen. Zum Essen wird geraucht, rechts die Gabel, links die Zigarette oder umgekehrt. Es wird geschwatzt und gelacht. Und später am Abend tatsächlich auf den Tischen getanzt.

Vor dem Lokal lümmeln Kerle gelangweilt in Autos. Man sieht sie überall in der Stadt. Die Männer gehören zu Sicherheitsfirmen wie der TIM. Das Privatvermögen der Firmengründer wird vom Magazin «Forbes» auf 2,4 Milliarden Euro geschätzt. Offiziell gehören zur TIM Group Firmen, die mit Chemikalien und Lebensmitteln handeln, und vieles mehr. Ursprünglich aus einer Sicherheitsfirma entstanden, hat TIM in den letzten Jahren praktisch die gesamte Wirtschaft Varnas unter ihre Kontrolle gebracht. Zurzeit baut die Firma das neue Fussballstadion.

Die Zeiten der Schutzgelderpressung seien vorbei, erzählen Einheimische. Dennoch sei es oft hilfreich, eine Versicherungspolice bei einer Sicherheitsfirma abzuschliessen. Für nur wenige Euro monatlich wird das Eigentum geschützt. Garantiert wird ein Zugriff innert weniger Minuten. Daher die flächendeckende Präsenz der starken Jungs in den Autos.

Früher kam es bei Nichtbezahlung des Schutzgeldes zu einem Ausflug in den nahe gelegenen Wald. «Wir fahren nach Aladscha» war kein Kinderspiel. Im mit Lianen und dichtem Grün verhangenen Wald nahe des Felsenklosters Aladscha wurden Nasen und Finger gebrochen. Im Felsenkloster lebte im 4. Jahrhundert die erste Mönchsbruderschaft. Die Mönche schlugen sich harte Zellen in den Kalkstein. Heute werden vor dem gepflegten Park des Klosters Freilichtveranstaltungen aufgeführt. Der Bürgermeister von Varna möchte dem Ausbau der Anlage eine Million Lewa sprechen, rund 800 000 Franken. Es sei ja klar, warum, sagten daraufhin die Bürger, seine Frau sei im Veranstaltungskomitee, ebenso gehöre ihr die Firma, die im Frühjahr ganz Varna mit riesigen Palmen in Kübeln bestücke und dafür 400 000 Lewa bekomme. Bürgermeister Kyrill Jordanow seufzt. «Meine Frau, meine Tochter, mein Auto, alles wird mir vorgeworfen. Dazu sage ich nur: Ich bin seit langem schon taub.»

Kyrill Jordanow ist seit neun Jahren Bürgermeister von Varna. Seine Stadt ist Anwärterin auf den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2019. Bereits zwei Mal war sie die Stadt mit der höchsten Lebensqualität in Bulgarien. Auszeichnungen hängen golden gerahmt in seinem Büro. «Wir haben alles gewonnen, was man gewinnen kann.» Kyrill Jordanow erinnert in seiner Uniform mit knappem Stehkragen an einen müden Lawrence von Arabien. Seit heute früh um sieben Uhr sei er ununterbrochen an Sitzungen und in Gesprächen. Jeder Spinner werde zu ihm vorgelassen. Er zündet sich eine Rothmans an. Der Bulgare sei ein interessierter und guter Mensch, sagt Jordanow, liesse sich aber kaum führen.

Jordanow ist ein direkter und kluger Mann, immer gern unter dem Volk, was so gar nicht zu dem Sicherheitsaufgebot am Bürgermeistersitz passt, das bereits im Erdgeschoss mit einer Sicherheitsschleuse beginnt, wo die Taschen durchsucht werden. Die Anmeldung im ersten Stock erfolgt unter den strengen Blicken eines Wachmanns und dreier Frauen hinter einer Glasscheibe, an der das Signet der Sicherheitsfirma TIM klebt. Dann, vor dem Vorzimmer des Bürgermeisters, ein langer roter Teppich, eine Sammlung von Wappen und Pokalen in Nischen aus dunkelbraunem Holz. Ein älterer Herr waltet als Aufpasser und mahnt, Platz zu nehmen. Es wirkt, als gehöre dieses Ambiente nur widerwillig zu dem Mann, der hinter der Tür raucht.

Vor Jordanows Amtsantritt verfügte die Stadt über ein Budget von weniger als 20 Millionen Euro, heute sind es 150 Millionen. Die Arbeitslosigkeit sank von 12 Prozent auf 1,8. Er orientiere sich an den andern Städten der EU, keinesfalls an denen Bulgariens, sagt der Bürgermeister, die habe man wirtschaftlich und zivilisatorisch alle längst überholt.

Über zwei Milliarden Euro seien derzeit in Varna in Bauprojekten investiert für Geschäftshäuser, Einkaufstempel, Luxushotels. Wer die brauche? «Diese Frage stelle ich den Privatinvestoren auch immer wieder. Sie antworten immer dasselbe: Die Zukunft, das Potential der Stadt, verlange danach.» Sein Handy tanzt neben der Zigarettenschachtel zu einem Beatles-Song, «When I’m 64». Es ist die Erkennungsmelodie für Anrufe seiner Tochter. Sie hat sich in Sofia verlaufen. Gestern war Jordanow auch dort, anlässlich des 130. Geburtstags der Landeshauptstadt überreichte er einen 5000 Jahre alten Goldring aus Varna. Die ältesten Goldfunde der Menschheitsgeschichte stammen aus seiner Stadt. «Varna und Sofia befinden sich auf verschiedenen Entwicklungsstufen», sagt er selbstbewusst.

Morgen wird Kyrill Jordanow der heimischen Presse den Raumplan vorstellen, der seit fünf Jahren in Arbeit ist. Mit allen möglichen Mitteln versuche er, bestimmte Gebiete von der Bebauung auszunehmen. Aber manchmal sei seine Macht nicht gross genug, etwa wenn der Staat «hinter dem Rücken der Stadt» Zonen wechsle. Illegal eingetauschtes Land sei auf seinem Raumplan als «ewige Grünfläche» vorgesehen, verspricht er. «Zudem sind der Meeresgarten und der botanische Garten auf meinen Befehl», er schlägt mit der Zigarettenschachtel kraftvoll auf den Tisch, «seit fünf Jahren mit einem Baustop belegt.» Was er vom Naturschutz halte? «Übertrieben», sagt er. «Eine Entwicklung bringt immer auch Negatives mit sich, leider», und dann entschuldigt er sich ungefragt für das zerstörte Fischerdorf Trakata. Wo einst Fischer ihre Netze reparierten, stehen heute ­Villen; Arbeiter ziehen Zäune darum hoch und verputzen Mauern.

Etwas mehr als eine Autostunde dauert die Fahrt bis zur rumänischen Grenze. Werbetafeln mit der Aufschrift: Wohnungen zu verkaufen, Hotelkomplex zu verkaufen, stehen am Strassenrand. Vorerst existieren sie nur auf dem Reissbrett. Im Radio jammert ein Sänger. Auf einer steilen weissen Klippe sitzen Häuser mit freier Sicht wie Vogelnester. Meine Fahrer, die Brüder Ilija und Iwan, sind muskulös und tragen dunkle Sonnenbrillen. Steige ich aus, folgen sie mir und lassen langsam ihren Blick in der Umgebung schweifen, als suchten sie nach Übeltätern. Zu sehen ist, was immer schon da war: einsame, weite Naturstrände und ein dunkles, rauhes Meer. 


Von Gudrun Sachse, erschienen im NZZ Folio "Am Schwarzen Meer", 2009.