Brennendes Licht


Brennendes Licht

Das Geschwätz flutete die Gassen der Altstadt. «Jesses.» «Jesses Gott.» Etwas Schlimmes war geschehen. Etwas Sehenswertes, offenbar. Der Korbflechter liess seine Weidenruten liegen, der Metzger befahl dem Knecht auf die Sau zu achten, gab ihm mahnend eine Kopfnuss und machte sich auf den Weg. Ich biss gerade in einen Apfel, der mir vor die Füsse gerollt war. Nun, vielleicht hatte ich auch ein wenig nachgeholfen, als das Fuhrwerk meinen Weg kreuzte. Ich lebte von dem, was andere verloren. Ein Holzscheit, eine Birne, diesen Apfel. Einmal krachte ein Weinfass vom Wagen, ich half dem Fuhrmann, es wieder aufzuladen, doch als ich meine Hand ausstreckte und um einen Lohn bat, lachte er mich mit seinen faulen Zähnen nur aus. Warum also sollte ich helfen, wenn es dafür nichts gab? Es war ein heisser Tag im Juni, als auch ich dem Geplapper folgte, dem Rathaus entlang, vorbei an den Händlern und Handwerkern der Unteraltstadt, hinab zum Waschhaus, ans Ufer des Sees. Bei den Waschweibern war immer etwas los. Ich war gerne dort, ihre Stimmen beruhigten mich, ab und zu fielen auch Namen, mit denen ich etwas anzufangen wusste: der Keiser habe seine Badanstalt wieder offen, der Renggli sei im Suff von der Leiter gefallen, und das Pfund Anken koste nun schon 52 Rappen – unverschämt sei das. So ein Andrang wie heute aber war neu. Bereits in der Gasse, die zu der kleinen mit Leinen bespannten Wiese führte, stauten sich die Schaulustigen. Auf der Wiese standen Zuger an Zuger. Durch die engen Zwischenräume zwängten sich Buben und Mädchen. Auch ich war noch ein Bub. Elf oder zwölf Jahre, so genau weiss ich das nicht. Kurzgeraten und dünn, wie ich war, drängelte ich mich vor. Immer wieder traf mich ein Arm, versuchte mir ein Bein den Weg zu beenden, die besten Plätze sind begehrt. Das wusste wohl auch der Fremde, der auf einem Mäuerchen stand und in ein ledergebundenes, kleines Buch schrieb – oder zeichnete er? Mit einer seltsam buckligen Hand führte er einen Stift mit raschen Bewegungen. Weder ihn noch was er tat, hatte ich je zuvor gesehen. Er trug einen Zylinder, einen Gehrock und ein um den Hals geschlungenes Tuch, das den Abschluss in einer Schleife fand. Rote Hitzeflecken belebten das käsige Gesicht. Er blickte auf und beugte sich dann wieder über seine Arbeit. Ein kurzer Blick, in dem er mehr zu sehen schien als all die anderen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, doch ganz gleich wie ich mich verbog, irgendein Rücken oder lausiger Haarschopf nahm mir die Sicht. Ich beschloss, mich zu dem Fremden durchzuschlagen. Möglich, dass er wusste, was geschehen war. Auf dem Mäuerchen in seiner Nähe fand ich meinen Platz. Ein Lufthauch trug seinen süssen Geruch von Alter und Schweiss zu mir herüber. Doch das störte mich nicht. Ich stank schlimmer. Mein letztes Bad im See war zwei Wochen her. Ich war mit den Kleidern hineingesprungen und hilflos wie ein Kater herumgestrampelt. Ich hatte mich in die Sonne zum Trocknen gelegt und die Wolken gezählt, die mal wie Schafe, dann wie Kanonen über mir hinwegzogen. So tat ich das immer. Sommer wie Winter.

Als ich dem Fremden ins Büchlein schaute, setzte mein Atem aus. Schwindel erfasste mich. Blut rauschte durch meine Ohren. War das meine Mutter? Hatte er meine Mutter gemalt? Mutter! Ich erkannte ihre schlanken Beine, schönen Füsse und liebevollen Hände, auch lag da auf dem Papier ihr dunkles Haar, als bestünde es aus Algenfäden. Reglos. Ich musste zu ihr, sie umarmen, ihr dafür danken, dass sie mich nicht getötet oder fortgegeben hatte, weil das ihr Leben als Magd so viel einfacher gemacht hätte. Aber da hörte ich aus der Menge eine keifende Stimme: «Eine Lindauerin weniger.» Eine andere wetterte: «Machte sich an unsere Männer heran.» Scham und Traurigkeit trieben einen Pfahl durch meinen Körper. Unfähig mich zu bewegen, starrte ich auf das Blatt des Fremden, als ob es mir meine Mutter wiedergeben könnte. Zwei Fischer verlangten lautstark ein Tuch, «um es zu bedecken». Die frische Wäsche hing schwer an den Leinen. Doch keine der Frauen zeigte sich willig: «Pfoten weg.» Da setzten sich die Fischer durch. Haare wurden gerissen. Mutter verschwand unter weissem Stoff.

Als wäre das sein Zeichen, klappte der Fremde das Buch zusammen, griff sich den Schirm, der ihm als Spazierstock diente, und verliess das Schauspiel. Meine Mutter hatte mich immer als altklug abgetan. Ich würde mal etwas Besonderes mit so einem reifen Geist, sagte sie und strich mir meine Locken glatt, die sich kringelten wie bei einem Kälbchen. Einen Scheitel wünschte sie sich, einen Buben mit Scheitel. Wirst’s schon sehen, Jost, sagte sie, wenn der Körper so reif ist wie der Verstand. Der Verstand hatte ausgesetzt. Kopflos rannte ich dem Fremden hinterher, ich hielt mich auf Abstand, versteckte mich hinter Hausvorsprüngen und Karren, um ja unentdeckt zu bleiben. Kurz glaubte ich ihn verloren, bis ich beim Fischmarkt seinen Zylinder erkannte. Der Gestank, der den Marktplatz erfüllte, schien dem Fremden nichts anzuhaben, er bückte sich über schimmernde Rötel, grub seine Nase in jeden Eimer. Marlis vom Fischstand baute sich bedrohlich vor ihm auf, vermutlich schimpfte sie, er solle seinen Zinken gefälligst aus ihrem Fischabfall nehmen, denn der Fremde zuckte zusammen und ging weiter zum Zytturm. Die Turmuhr hatte eben geschlagen. Für mich, den ich diesen dumpfen Ton täglich hörte, glich er meinem Herzschlag, nicht wahrnehmbar, ihn aber lenkte er derart ab, dass ihn der Karren des Küfers nur knapp verfehlte. Zügig ging er auf den Brunnen vor dem Gasthaus Ochsen zu, auf dem Kolin in seinen blau-weiss-gestreiften Hosen thronte. Ich wähnte mich unsichtbar und flitzte wie eine Ratte hinterher. Doch ich war weder unsichtbar noch flink genug. Als sich der Fremde umsah, blickte er mir direkt in die Augen. Sein Äusseres stiess mich ab, doch war etwas in seinem Wesen, das Zuversicht ausstrahlte, als würde mir gesagt: dass die Hoffnung weiterlebt, selbst wenn alle Hoffnung verloren ist, und sei es nur als ein Schatten. Also ging ich, als er mich zu sich winkte, auf ihn zu.

Da kam auch schon der Bossard an, schwerfällig mit seinem gut gefüllten Bauch. Wie jeder in der Stadt kannte auch ich den Ochsenwirt. Er schimpfte auf mich «faulen Bastard» ein. Vor dem Fremden aber machte er kleine Verbeugungen. Wie wandelbar er doch war. Erst keifte, dann lächelte er. Einen feschen Buben gab ich wahrlich nicht ab mit meinen eingefallenen Wangen, den dunklen Augen, die müde in den Höhlen ruhten. Mein Hemd war fleckig, die Hose staubig. Der Fremde fasste mich beim Ärmel. Er wollte essen, und ich sollte ihm Gesellschaft leisten. Dem Bossard blieb nur übrig, die Tür aufzuhalten. Mir strömten die Düfte eines fremden Landes entgegen: polierte Böden, gekochte Würste und Schaumkronen auf Bierkrügen. Den Wirtssaal schmückte ein Buffet, darauf standen Weinkelche und Flaschen. Die Fensterscheiben waren aus buntem Glas, grün und blau mit eingelegten Wappen, in denen sich das Tageslicht brach und die den Raum funkeln liessen, als stünden wir in einer Kristallkugel. Wir bekamen einen Tisch in der Ecke. Der Fremde legte Zylinder, Schirm und Mantel ab, bettete darauf sein Skizzenbuch. Zu gerne hätte ich nachgesehen, wie es meiner Mutter darin ging, aber ich wagte ja kaum, den Herrn zu betrachten. Stattdessen starrte ich auf den Holztisch, auf den erst Teller, dann Gabeln und Gläser gestellt wurden. Es war laut im Wirtshaus. Die dreizehn Kinder des Bossard rannten hin und her, servierten und wischten auf, was die Gäste zu Boden hatten fallen lassen. Ein Mädchen mit artig gebundenen Zöpfen schöpfte mir Suppe in den Teller. Gierig machte ich mich über die dicken Fleischstücke her. Ich hatte den Fremden nie sprechen gehört. Nun aber sprach er. Ich verstand nicht viel, zumal ich mich aufs Essen konzentrierte. Zudem sprach der Fremde Englisch mit wenigen Brocken Deutsch und Französisch. Ich reime hier einfach zusammen, was ich denke, verstanden zu haben. Turner hiess er. William Turner. Er war ein Maler aus England und schon etliche Wochen in Europa unterwegs. Mit dem Dampfschiff war er über ein Meer gefahren, mit der Kutsche hatte er Frankreich bereist und in einer Sänfte war er über die Alpen getragen worden, immer dann, wenn seine Füsse zu sehr geschmerzt hatten. Bevor er in den Ochsen kam, hatte er im noblen Schwanen in Luzern logiert. Wie schon etliche Male zuvor, da er den Blick aus seinem Zimmer auf den See und die darüber hinwegziehenden Wolken derart liebte. Doch Luzern sei von Reisenden überfüllt, jammerte er. Sie alle gierten nach den Bergen, nach der unberührten Natur, der Monumentalität, Erhabenheit, was immer er mit diesen schönen Worten auch meinte. Bei der Rigi rollte er das R, dass seine Hängebacken bebten. Diesen Berg mochte er wohl besonders, seinetwegen war er an den Zugersee gereist. Er habe bei der Anreise aus der Postkutsche einen Flecken ausgemacht, den er mir morgen zeigen wolle. Unweit von Goldau, das er kenne, dort habe er bereits die abgerutschten Felshänge studiert und sich Gedanken über die Toten gemacht, die wohl zusammengefaltet und kaum friedlich ruhend unter den Bergmassen lagen. Unweit auch von Arth, das er durchfuhr, als ihn die Kutsche in den Ochsen brachte. Er schätze die neu angelegte Strasse, die holpernd die Dörfer am See verband. Bei seinem letzten Besuch habe es die wohl noch nicht gegeben – bestimmt habe er schon Fortschrittlicheres gesehen, aber für eine so bäuerliche Gegend … «Hmm», antwortete ich schmatzend und hielt dem vorbeieilenden Wirt meinen Teller entgegen. Doch der schlug mir auf den Handrücken, als sässe dort eine Fliege. Turner sprach nun von seinem Vater, den er vermisse. Ein Barbier, der sich schon früh für die Malerei des Kindes interessiert habe. So einen Vater hätte ich mir auch gewünscht. Meiner war der Bütler Heinz, aber das durfte niemand wissen – obwohl es alle wussten. Der Bütler hatte das Versprechen aus meiner Mutter herausgeprügelt, nachdem er ihr die Liebe in den Busen gesäuselt hatte. Doch mit Verachtung gestraft wurde nicht er, der seine Magd geschwängert hatte, sondern meine Mutter. Als könnte Turner meine Gedanken erahnen, legte er seine schwere Hand auf meine. Ich zuckte zusammen und er zog sie fort. Seine Mutter sei irr gewesen, erzählte er, und als er schon längst ein Jüngling war, trug man sie zu einem Bündel zusammengeschnürt aus dem Haus. Eine Irre ist kein Glück. Doch schien sie ihm zu fehlen. Noch immer. Kein Kind sollte ohne Mutter sein.

Der Wirt hatte einen Krug Wein hingestellt. Turner trank hastig, immer wieder lief ihm der Saft übers Kinn. Ein Krug folgte dem nächsten, bis Turner «genug» sagte, rülpste, nach Schirm, Zylinder und Skizzenbuch griff und den Tisch verliess. Ich nahm seinen Mantel und folgte ihm die Holzstufen ins Zimmer hinauf. Es war das stattlichste Zimmer im Ochsen: ein Bett, ein Schrank, ein Tisch in einem kleinen Erker. Durch die Scheiben drang das zur Dämmerung ansetzende Licht. Kirschfarbene Schwaden durchzogen den Himmel wie Feuerpeitschen. Sanft und doch herrisch mischten sie sich mit dem sich verdunkelnden See in der Ferne. Turner stürmte wie von Sinnen zu seinem Werkzeug. Auf dem Tisch lagen Farben, keine Pulver, die mühsam anzurühren waren, sondern fertig gemischte. Auf Reisen habe er diese neumodischen Farben dabei, sagte er, während er sich Pinsel griff und auf einem Blatt zu schmieren begann. Ich nenne es «schmieren», weil ich nie zuvor sah, wie sich Gelb, Blau, Rot und Schwarz so miteinander vereinen können. Sie flossen ineinander wie der restliche Wein mit den Suppenresten, als er sich aus dem umgekippten Krug seinen Weg über den Tisch bahnte. Wie sich die fremden Flüssigkeiten anzogen, so zogen sich nun Farben an, die kaum zueinander passten. Ab und zu half Turner mit seinem Fingernagel nach oder kratzte mit dem Pinselstil eine Linie auf das Papier, als wollte er der Farbe die Richtung weisen. Er atmete geräuschvoll, ich aber wagte kaum Luft zu holen. Ich hatte seinen Mantel über die Stuhllehne gelegt. Ruhig stand ich nun an der Wand und beobachtete das mir fremde Tun. Es war wohl eine Stunde vergangen, als er die Pinsel ruhen liess, mich betrachtete, zum Schrank ging und dort ein sauberes Hemd herausnahm. Er warf es mir zu: Um fünf Uhr in der Früh solle ich ihn vor dem Hotel erwarten. Dann legte er sich aufs Bett und schlief schon laut schnarchend, noch bevor ich die Tür hinter mir zugezogen hatte.

Mit dem Hemd in den Händen schlich ich aus dem Ochsen zu Kolin auf den Platz. Die Dunkelheit hatte die Stadt überfallen wie ein Bandit. Gleich würden die Harschiere die Fackeln entzünden. Beim Zytturm, am Rathaus, an all den Eckhäusern in der alten Stadt. Ich wollte den Männern nicht begegnen. Zu oft hatten sie mich schon aufgehalten oder gar eingesperrt. Zimperlich waren die Harschiere nicht – ihre schmucke Uniform aber machte sie nicht schneller, und so gewann ich manchen Zweikampf im Gassenlauf. Aus der Vorstadt hörte ich den Gesang Betrunkener. «Der Nussbaumer hat nicht bezahlt», schrie eine Stimme durch die Nacht. Der verlogene Nussbaumer zahlte seine Schulden nie. Vor der Taube umschlang ein Mann ein klappriges Mädchen. Vielleicht ein leichtes. Ich war zu jung, um darüber Bescheid zu wissen. Auch wenn es mich reizte, dieses Haus der Freuden, das hier irgendwo stehen musste, aufzuspüren. Ich schlich an den nächtlichen Gestalten und Stimmen vorbei und fand Unterschlupf beim Waschhaus. Ich legte mich auf die feuchte Wiese, auf der heute früh noch meine Mutter gelegen hatte, man hatte sie wohl auf den Schindanger gebracht, beim Schutzengel, dorthin, wo auch die Hexen verbrannt wurden. Und die Landstreicher enthauptet. Ich bedeckte mich mit Turners Hemd und schlief ein.

Es waren erst wenige Stunden vergangen, als etwas in meinem Bauch herumbohrte, um mich, gegen meinen Willen, an die Oberfläche zu ziehen. Durch die Schlitze meiner Augen sah ich seinen grimmigen Blick und den Schirm, der auf mir herumstocherte. Er muss mich gerochen haben, vielleicht war es auch nur der Instinkt eines Weitgereisten. Es war noch keine fünf Uhr, um diese Zeit begann es sommers am See allmählich zu tagen. Ich solle aufwachen und ein Boot beschaffen. «Ein Boot?» – «Ja, ein Boot.» Ich reckte mich und setzte mich schlaftrunken auf. Der Speck würde wohl schon in See gestochen sein, um als Erster die Felchen zu holen, die Netze hatte er gestern Abend ausgelegt. Wir warten, gab ich Turner zu verstehen. Doch etwas drängte ihn, als wollte er in einen Wettlauf mit dem Tageslicht treten, wer es zuerst sehe, er oder der Mond. Mit zusammengekniffenen Augen und geblähten Nasenlöchern stand er neben mir und sog die Stille in sich auf. In der Ferne auf dem See sah ich das Fischerboot. Ich rief und schrie den schwarzen Punkt an. Viel zu laut für diese Zeit. Aber der Speck hörte mich – ich sah, wie er mich wahrnahm und mir mit seinen Armen zu verstehen gab, was er von dem Gebrüll hielt. Doch ich schrie weiter. Als er anlegte, stieg Turner, einen Beutel umgehängt, grusslos ein. Der Speck verpasste mir eine Schelle, als der Fremde ihm aber zwei Franken hinhielt, steckte er sie in seine fischige Hose und ruderte in die Richtung, die Turners Schirmspitze vorgab. Wie eine Gallionsfigur hatte er sich an den Bug gesetzt und zeigte gen Immensee. Wie froh war ich, nicht rudern zu müssen, sondern auf einer Holzbank sitzend den im Netz zappelnden Fischen zusehen zu können. Turner hatte sein Skizzenbuch zur Hand genommen. Es war schon gut gefüllt. Er überblätterte meine Mutter und begann, die Netze, die Ruder, die Kirchturmspitzen, den Horizont zu skizzieren. All das geschah in Windeseile und bei einem ständig ruckelnden Boot, denn der Speck war kein sanfter Ruderer. Das Ruckeln schien Turner herauszufordern. Die Bewegung des Boots, die sanfte Gischt wurden in jedem Strich gefangen genommen und Teil einer grossen Bewegung. Ich starrte ins Wasser, in dem sich der Tag zu spiegeln begann. Bei jedem vorbeiziehenden Schatten glaubte ich Mutters Leib zu erkennen. Hier drin hatte sie das Ende gefunden. War es gesucht? Dass der Mensch freiwillig gehen könne, wenn alle Lebenslust erloschen war, sei, was uns von Tieren unterschied, hatte sie mir erklärt. Der Pfarrer freilich sähe das anders. Aber sein Gott hielt auch nichts von Lebenslust. Der Speck stöhnte, seine Schläfen pulsierten, noch ein paar Meter mehr gerudert und sein Kopf wäre geplatzt.

Das Ufer war erreicht, der Berg, der Turner seit seinem ersten Besuch im Herzen der Schweiz faszinierte, war näher gerückt. Ich sprang ans Ufer und hielt das Boot fest, damit er trockenen Fusses an Land gelangte. Das Boot schaukelte. Speck dachte nicht daran, dem Fremden zu helfen, wie auch, er rang noch immer nach Atem. Turner betrat Immensee stolz wie ein Eroberer. Ich folgte ihm den Uferweg entlang, der über morastige Wiesen und Felder führte. Immer wieder blieb Turner stehen, um seinen Blick auf die Rigi und den sich wandelnden Himmel zu richten. Ich schaute mit und war überrascht, wie sehr sich die Welt in diesen wenigen Stunden, seit ich mit ihm unterwegs war, verändert hatte. Blau – ach was: Hunderte Blau-, dazu Weiss- und vielerlei Gelbtöne boten einen prächtigen Anblick. Als wären Eier zu Bruch gegangen und in einem Bett aus Beeren gelandet. Turner betrachtete die Szenerie mit dem Stolz des Komponisten, der diese Farben in seiner Wahrheit erkannte und zu nutzen wusste. Aus seinem Beutel holte er Tuben und komponierte in seinem Skizzenbuch eine eigene Farbsymphonie. Sie war tollkühn und frech. Sie war furchtlos. Turner schien keine Angst vor dem Aufbruch zu haben, keine Angst vor dem Geschwätz der Leute, die seine Kunst nicht verstanden, er schien darüber zu stehen. Ob er den Pinsel in die Farbe tauchte oder seinen krummen Finger – er gab nichts drum. Kam mit dem Ruhm auch die Gleichgültigkeit, die Kraft, sich über die Meinung anderer hinwegzusetzen? Oder rang auch er täglich aufs Neue mit sich selbst, um diesen Mut zu überleben?

Er werde den See in ein liebliches Bild betten, sagte er. Mit Kindern und nackten Jungfern, mit einem Fischer, die Rigi werde glühen – die Farben würden milde erscheinen. Zu milde vielleicht, aber er wisse, dass sie eine Geschichte von Ankunft und Abschied erzählen. Meine Mutter würde in dem See schwimmen, für immer und ewig, für alle, die dieses Leben nicht überstanden hatten. «Das Bild erzählt, was wir erlebt haben», sagte Turner. Ich denke, ich mochte ihn. Wann er denn sein Bild male, fragte ich. Irgendwann im Winter, in seinem Atelier in England. Ob ich ihn dorthin begleiten dürfe? Doch er schwieg, packte seine Farben in den Beutel und stopfte sich das Skizzenbuch in die Manteltasche. So vergingen Stunden mit Skizzieren, bleiernem Schweigen und Aberhunderten von Schritten, während wir uns Arth näherten. Fast war ich froh, als ich den Känel Kari schimpfen hörte: Lumpenpack und Sauhunde, wären wir, Hurensöhne und Landstreicher, die sein hohes Gras so schändlich niedertrampelten. Keine Ahnung von Arbeit hätten wir, nur dumm in den Himmel glotzen. Während er so schimpfte, wurden seine Worte immer gellender, bis sie ihren Abschluss in einem sauber gesetzten Wurf der Heugabel fanden. Die zog einen Bogen in den Himmel und landete direkt neben Turner. Der schrie auf. Erst vor Schreck, dann vor Schmerz. Der Bauer hatte sich vor ihm aufgebaut und «dem feinen Herrn» seine Faust in den Magen gerammt. Schläge seien keine Lösung, hatte meine Mutter immer gesagt – doch gerade als ich an sie dachte, überkam mich eine blinde Wut über mein Alleinsein. Ich trat den Känel ans Schienbein. Turner richtete sich auf und rammte mit seinem schweren Kopf Känels Nase, als der sich gerade über sein schmerzendes Bein beugen wollte. Es knackte, dann floss Blut.

Turner und ich hatten uns davongemacht. Wir waren nicht schnell, aber zügiger als davor, so schafften wir die letzten Meter ins Dorf. Ich fragte nach einer Kutsche, die beim Gasthaus Ochsen halten würde. Antwort bekam ich nur, weil der wohlhabende Fremde neben mir stand. Wir waren ein sonderbares Gespann. Als Turner die Kutsche bestieg, sah ich, dass sein Skizzenbuch beim Gehen aus seinem Rock gerutscht sein musste. Es schaute nur einen Fingerbreit hervor, aber weit genug, dass es meine Hoffnung weckte, nie mehr allein zu sein. Als Turners schwere Gestalt im Innern des Wagens verschwand, griff ich zu. Es war der Reflex eines Kindes, das nun rannte, ohne sich umzusehen. Wohin war ihm egal. Wichtig war nur: Ich hatte meine Mutter wieder.


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Literaturnachweis: Turner – Das Meer und die Alpen. Hirmer Verlag, München 2019; David Blayney Brown: J.M.W. Turner Luzerner Skizzenbuch. Hirmer Verlag, München 2019; John Gage: J.M.W Turner, A wonderful range of mind.



Text von Gudrun Sachse, erschienen im Zuger Neujahrsblatt (21), Farb-(Ge)schichten. 2020.