«Mit meiner grossen Schnauze kaschierte ich Unsicherheit»  (NZZ Folio 2022)

erschienen im NZZ Folio «Beste Freunde» 7. März 2022 von Gudrun Sachse


Martin Rütter, dachten Sie heute früh: Ach, wie schön, ein Interview – oder: den Mitarbeiter, der mir das eingebrockt hat, den entlasse ich heute abend?

Ich war kürzlich bei einer Talkshow, in der auch Hape Kerkeling sass. Hape wurde gefragt, wie er auf seine Figuren komme, insbesondere den Lokalreporter Horst Schlemmer. Er antwortete, nach 15 Jahren habe er genug von den immer selben Fragen schlecht vorbereiteter Lokalreporter gehabt. Das Gefühl kenne ich. Und doch habe ich mich eher gefreut, es ist ja nicht selbstverständlich, dass sich jemand für einen interessiert.

Wir wollten uns in Berlin treffen, dann kam Omikron. Nun machen wir es per Video – aber das mir zugeteilte Zeitfenster von einer Stunde bleibt. Da nahm sich, mit Verlaub, sogar ein Udo Jürgens mehr Zeit.

Das ist nicht böse gemeint und kein Popstar-Gebaren, aber ich mache so viel, dass ich mit der Zeit haushalten muss. Nein sagen kann ich auch schlecht. Struktur und Organisation sind wider meine Natur. Darum bin ich froh, dass ich Leute im Team habe, die das für mich übernehmen.

Ein Team von 70 Leuten. Sie sind auf zig Kanälen präsent. Sie moderieren Shows, haben ihre eigenen TV-Sendungen. Sie wurden als Hundetrainer zum Star. Wie ist das möglich?

Als ich vor über 18 Jahren mit Fernsehen anfing, ging ich ganz naiv an die Sache ran. Ich machte mir weder Gedanken darüber, was ich anziehe, noch, was ich sage und tue. Die Leute spürten, dass ich echt war. Menschen haben eine Sehnsucht nach Authentizität. Als eine Umfrage ergab, dass 86 Prozent der Deutschen meinen Namen kennen, begriff ich, dass ich auch über Themen sprechen kann, die mich persönlich betreffen. Ich muss nicht zu allem meinen Senf abgeben, aber wenn es für mich wichtige Themen sind wie Tierschutz, haue ich meine Sprüche raus und kann auch gegenüber Politikern hartnäckig sein.

Sie sind so eine Art Aufklärer der Nation. Sie wettern aber auch gegen Oberflächlichkeiten, Dummheiten, Schönheitsideale – das setzt voraus, dass man mit sich im Reinen ist. Seit wann sind Sie das?

Das überrascht mich jetzt ehrlich gesagt. Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass man immer dieselben Fragen gestellt bekommt. Das ist gerade nicht so. Das ist schön.

Haben Sie dennoch eine Antwort für mich?

Ich habe einen sehr langen Weg hinter mir, meine Kindheit war komplex.

Was heisst das?

Meine Eltern waren für die Elternrolle nicht geeignet. Ich wuchs mit meiner sechs Jahre älteren Schwester sozusagen im gleichen Gefängnis auf, was dazu führte, dass ich mit meiner grossen Schnauze meine Unsicherheiten kaschierte. Als Jugendlicher traute ich mich zum Beispiel nie, hundert Prozent zu geben, damit ich für mich die Ausrede bereit hatte: Wenn ich wollte, dann könnte ich es auch.

Haben Sie ein Beispiel?

Im Fussball war ich durchaus talentiert, aber immer, wenn mich ein Verein umwarb und zu einem Probetraining einlud, kam ich demonstrativ zu spät und spielte schlechter als erwartet, um mir selbst sagen zu können: Wenn ich alles geben würde, würde ich es auch schaffen. Nach aussen wirkte ich fröhlich. Aber innerlich bohrte ich mir in den eigenen Wunden herum. Erst seit etwa fünf Jahren nehme ich mich als Persönlichkeit so, wie ich bin. Und klar habe ich meine Baustellen, so banale Dinge, endlich mal fünf Kilo abzunehmen. Es hat lange gedauert, bis ich diesen Anarchiehaushalt verarbeitet hatte.

Wie sieht so ein Anarchiehaushalt aus?

Meine Mutter war 19, als sie schwanger wurde. Mein Vater war selbst ein Jugendlicher, der lieber Fussball spielen und sich mit Kumpels treffen wollte. Trotzdem heirateten sie, weil sich das damals so gehörte. Ich kenne sie nur streitend. Sie waren so mit sich beschäftigt, dass sie gar keinen Fokus auf Erziehung legen konnten.

Was bedeutete das für Sie?

Meine Schwester und ich waren früh eigenständig. Mit 12 Jahren war es für mich selbstverständlich, zu kochen oder die Wäsche zu machen. Als sich meine Eltern trennten, lebte ich bei meinem Vater. Mit 14 verschwand ich für fünf Tage nach Mailand. Als ich zurückkam, hatte mein Vater nicht mal bemerkt, dass ich weg war. Das muss man sich mal vorstellen. Meine Schwester zog mit 18 aus, ich mit 17.

Sie sind Vater von fünf Kindern. Wie ist das bei Ihnen daheim?

Ich versuche meine Kinder zu stärken und für sie da zu sein, so etwas gab es in meiner Kindheit nicht. Wenn meine 14jährige Tochter ein paar Stunden zu spät nach Hause kommt, werde ich nervös. Warum meine Kindheit so war, wie sie war, musste ich lange verstehen lernen.

Nach einem unvollendeten Sportstudium studierten Sie im Fernstudium Tierpsychologie in Zürich. War Ihre Biographie auch ein Grund, weshalb Sie in die Psychologie rutschten?

Meine grösste Stärke als Kind war es, Menschen lesen zu können. Vermutlich war das eine Art Überlebensstrategie, um zu erkennen, wer welche Funktion in der Gruppe innehat.

Und doch beschäftigen Sie sich mit Tieren, nicht mit Menschen. Hatten Sie als Kind Haustiere?

Meine Mutter mochte nur Tiere, die auf dem Grill oder in Marinade lagen. Sie fand Tiere sinnlos und hat nie verstanden, was mir an ihnen gefiel. Ich fand es vor allem faszinierend mit anzusehen, wie auch kluge Menschen in der Nähe eines Haustieres all ihren Intellekt ablegen.

Gibt es auch Hundehalter, die ihre Tiere aus Überzeugung nicht impfen lassen?

Nicht in dieser Vehemenz wie bei den Menschen. Bei Tollwut find ich es nicht mal so falsch, dass man erst mal fragt, ob es die Impfung noch brauche – Deutschland ist seit 15 Jahren tollwutfrei. Was aber in Deutschland grad abgeht, da pack ich mich echt an der Rübe. In den ersten drei Monaten mit Corona konnte man die Skepsis noch verstehen. Es wurde aber bald ziemlich klar, dass eine Impfung sinnvoll ist. Sich dagegen zu entscheiden ist letztlich ein asoziales Verhalten.

Wegen Corona sind die Tierhandlungen leer und die Preise für Welpen stark gestiegen. Macht Ihnen das Sorge?

Wir haben dazu gerade eine Dokumentation gedreht. In Europa ist der Welpenhandel vergleichbar mit Drogen- und Frauenhandel. Das sind mafiöse Strukturen. Durch Corona hat der Markt nochmals zugelegt. Deutschland ist eine richtige Welpenstube, die Nachfrage ist enorm. Die Leute wollen den Hund sofort, haben keine Geduld, ins Tierheim zu gehen, sondern kaufen im Internet. Die unseriösen Händler haben gemerkt, dass sie die Preise anheben müssen, damit sie seriös wirken. Auch in meinem Umfeld sind die Leute in der Pandemie losgerannt. Da nützte es nichts, dass ich sagte: Hey, warum muss das denn jetzt sein, überlegt doch erst mal, was zu euch passt und ob ihr Zeit für einen Hund habt.

Beim Autokauf wird verglichen und getestet. Beim Hund schaut man nur, welches Tier am niedlichsten in die Kamera schaut.

Tatsächlich kann man mitunter am Verstand der Leute zweifeln. Biologisch und psychologisch betrachtet, ist es aber kein intellektuelles Defizit, sondern es sind banale Instinkte wie Brutpflegeverhalten und Kindchenschema, die uns leiten. Kleine Hunde mit grossen Köpfen und grossen Augen sind der Renner, besonders beliebt ist die französische Bulldogge. Beim Strassenverkauf geben Händler dir die Tiere kurz auf den Arm. Und was passiert? Das Bindungshormon Oxytocin wird ausgeschüttet. Dazu der intellektuelle Irrglaube, der Hund habe sich ausgerechnet für mich entschieden. Was die Rasse für Bedürfnisse hat, interessiert wenig. Am Schluss sitzt man daheim mit einem Hütehund, der die Besitzer überfordert und dann im Tierheim landet.

Sie sagten einmal: Einen Dackel zu erziehen wäre eigentlich eine amtliche Aufgabe. Wenn der heute keine Lust auf etwas hat, dann macht er es vielleicht morgen – aber nur, wenn man ihn ganz freundlich darum bittet. Das erinnert viele Eltern auch an ihre Kinder.

Einer meiner Söhne war von Tag eins an ziemlich meinungsstabil. Mit dem konntest du nie einen Kompromiss machen, ganz gleich, was man ihm anbot. Der hatte sich einfach seine Rolle in der Familie gesucht und dann besetzt. Die Kunst am Elternsein ist es zu akzeptieren, dass ich eine Persönlichkeit vor mir habe. Ich kann nur in einem gewissen Rahmen ver­suchen, die mitzugestalten. An der Persönlichkeit herumzuschrauben, das funktioniert nicht, und doch versuchen es die meisten, egal wie klug sie als Eltern sind. Eltern möchten, dass ihr Kind Erwartungen erfüllt. Aber welche Erwartungen eigentlich das Kind hat, das fragt man sich selten oder nie.

Könnte Ihre entspannte Haltung der Erziehung gegenüber auch etwas damit zu tun haben, dass Sie Hundetrainer sind?

Vor allem damit, dass meine Kinder im Vergleich zu mir im gleichen Alter derart harmlos sind. Schickt mir all eure pubertierenden Kinder, ich mache ein Camp auf. Ich finde das eine spannende Zeit. Wenn eines meiner Kinder mit 14 Jahren die Tür knallt und «du Arsch» murmelt, dann schrei ich dem nicht hinterher. Das bespreche ich, wenn sich die Wogen geglättet haben. Also kann ich das in dem Moment aushalten, auch wenn es mich verletzt.

Okay, das ist jetzt doch ein eher harmloses Beispiel.

Gut, mein ältester Sohn beschloss kurz vor dem Abitur, die Schule zu schwänzen. Die Lehrer riefen mich an, dass er nach 17 Tagen von der Schule fliegen würde. Was ich tun sollte, wussten die auch nicht, ich kann ja keinen 18jährigen in die Schule tragen. Als ich es schaffte, doch mal mit ihm zu sprechen, sah er mich nur an und sagte: «Kannst du zählen?» Der wusste genau, dass er noch drei Tage schwänzen konnte. Der hatte das alles einberechnet.

Taugt Hundeerziehung auch für Kindererziehung?

Als so eine Sendung mal auf RTL lief, wurde sie gleich wieder eingestellt. Die hatten eine Trainerin engagiert, die sich nicht mal in den Grundzügen mit Hunden auskannte. Dazu kam, dass sie respektlos mit den Kindern umging. Die wurden mit Leckerli belohnt, wenn sie vom Spielplatz zurückkamen und so Zeug. Problemjugendliche in einem Camp, betreut von Psychologen und gemeinsam mit Tieren: Das wäre durchaus möglich.

Funktionieren Therapien für Partner auch?

In England gab es ein sehr erfolgreiches Format, in dem eine Hundetrainerin Paare therapierte. In der Regel schläft mit den Jahren eine Beziehung ein, weil der Mann sich weniger Mühe gibt. Der Mann hat sein Weibchen auf sicher und sitzt nur noch auf der Couch. Die Hundetrainerin hat die Frau gebeten, den Partner für kleine gute Taten zu loben. Er bekam für jeden weggeräumten Socken ein Dankeschön. So etwas funktioniert. Find ich charmant.

Hund oder Kind – wer wird in Deutschland mehr geliebt?

Es entsteht oft der Eindruck, dass die Deutschen ihre Hunde mehr liebten. Das täuscht. Die Tierheime sind voll, und noch immer werden Hunde gequält und schlecht behandelt – andererseits werden sie ad absurdum geliebt. Bei Kindern ist es dasselbe. Als ich eine Reportage in Berlin drehte, war ich schockiert, wie viele Kinder keine regelmässigen Mahlzeiten bekommen. Fast acht Prozent der Kinder in Deutschland haben kein eigenes Bett. Wir reden nicht vom Zimmer, sondern vom Bett.

An Zürichs Seeufer schieben Hundebesitzer ihre Tiere gern auch mal im Kinderwagen spazieren. Muss das sein?

Wenn ein Hund mit 15 Jahren Arthrose hat, muss man ihn ja nicht gleich einschläfern lassen. Dann kann man ruhig den Kinderwagen rausnehmen und ihn ab und zu schieben.

Der Blick in den Wagen offenbart meist keinen altersschwachen Hund.

Da kann ich nur sagen: Für irgendwas haben Hunde Beine.

Ich frage mich gerade, ob Sie es als Kind vielleicht auch so schwer hatten, weil in unserer Jugend Aktenzeichen XY lief. Haben Sie das auch geschaut?

Mit neun zum ersten Mal. Ich dachte nur, warum hilft denen denn keiner? Das war so echt gespielt.

Und dann diese Maskierten vor den Glastüren.

Immer mit Milchglas. Da wurde eine ganze Generation traumatisiert.

Apropos Maske: Das Tragen der Corona-Maske dürfte Ihnen auf der Strasse durchaus entgegenkommen, weil man Sie nicht erkennt.

Aber wenn ich den Mund aufmache, ist es vorbei.

Allein zu erwähnen, dass man Sie trifft, hat einen Katalog an Hundefragen zur Folge.

In Österreich in der Sauna tippte mir mal einer auf die Schulter: «Ich habe da eine kurze Frage.» Das war schon grenzwertig. Ich muss aber sagen, dass mir die Leute immer nett begegnen.

Eine Hundebesitzerin gab mir mit auf den Weg: Den Rütter mochte ich, bis ich ihn nach seiner Show im Restaurant etwas zu meinem Hund fragen wollte und er sagte: Machen Sie eine Liste, wie Sie ihn haben möchten, und schicken Sie ihn zu uns ins Camp. Der Rütter wolle nur Geld machen, so ihr Fazit. Will er?

Wenn ich etwas ablehne, dann Hunde zum Training irgendwo abzugeben. Aber wenn einer nicht einschätzen kann, dass eine Crew nach der Arbeit eine Pause braucht, kann es schon sein, dass ich mal einen Kommentar raushaue wie: «Binden Sie ihn doch am Rastplatz fest.» Die Leute erwarten aber gar keine Zaubertricks mehr, die wissen, dass Hundetraining Arbeit ist.

Ihnen geht es offenbar ähnlich wie einem Arzt.

Als ich kürzlich den Fernseharzt Eckard von Hirschhausen auf dem Flughafen traf, dauerte es keine Minute, und eine ältere Dame kam, zog ihr Hosenbein hoch und wollte Ratschläge zu ihren Krampfadern. Da habe ich das deutlich kleinere Schicksal.

Sie verdienen mit Ihrer Omnipräsenz gutes Geld. Der Tiermarkt ist lukrativ.

Meine Eltern empfanden ihren Lohn immer als Schmerzensgeld. Ich bin mit dem Glauben aufgewachsen, wenn einer viel Geld habe, dann müsse er Dreck am Stecken haben. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen: Was ich mache, mache ich gut, und das kann einen Preis haben. Ich trage noch immer einfach Jeans und keine Uhren für 30000 Euro, was nicht verwerflich wäre. Ich bin kein Konsumtyp. Für Geld kaufe ich mir Freiheit, das ist mein Luxus. Allerdings habe ich mich immer schon benommen, als ob ich es mir leisten könnte, keine Kompromisse einzugehen. Das mache ich bei allen Sendungen. Ich mache etwas grundsätzlich nur, wenn es für mich auch passt.

Ihr Hund Emma bekommt das Fressen also nicht auf Silberteller mit Petersilie bestückt serviert?

Emma hatte dieses Jahr eine Krebserkrankung, die früh diagnostiziert und operiert wurde. Die Operation für 1500 Euro hat ihr Leben gerettet. Dieses Privileg, solche Entscheidungen treffen zu können, geniesse ich. Es gibt viele Menschen, die sich das nicht leisten können. Aber das Fressen gibt’s im Napf, nicht auf Silber.

Verwöhnte Tiere in der Werbung im Anschluss an die Nachrichten mit Horrormeldungen von hungernden Menschen: Sollte man eigentlich nicht erst mal schauen, dass die Essensverteilung weltweit vorankommt, bevor man Hunden und Katzen glutenfreie Leckerli serviert?

Die Frage darf man sicherlich stellen, aber es gibt nicht nur Schwarz und Weiss. Ich kenne von Hausbesuchen Leute, die haben ihrem Hund ein 30000 Euro teures Bett schnitzen lassen. Sollen sie doch. Ich weiss, dass die auch viel Gutes mit ihrem Geld tun. Meine erste Hündin Mina habe ich 15 Jahre lang nur mit Futterproben ernährt. Mina hat sie vertragen. Im nachhinein würde ich das nicht mehr tun. Als Hundehalter ist es meine Pflicht, einen Hund gut und hochwertig zu ernähren. Wenn es die Wahl gäbe, wir ernähren keine Hunde mehr, dafür kommt all das Geld Kindern und dem Klima zugute, würde ich sagen: Ja, klar. Aber so funktioniert das nicht. Ob Hunde gut ernährt werden, hat nichts mit der Weltarmut und Ungerechtigkeit zu tun.

Das Tierwohl geht auch auf Kosten des Tierwohls. Kaum ein Hund bekommt Essen vom totgestreichelten Rind.

Um das Tierwohl ist es wahrlich nicht gut bestellt. In Deutschland sind wir da ein echtes Entwicklungsland. Es gibt derzeit auch kein nachhaltig produziertes Futter, das erschwinglich wäre. Wir vertreiben eigene Trainingssnacks – 100 Gramm für drei Euro. Nachhaltig produziert wären wir bei sieben. Das hätte auf dem Markt keine Chance. Aber ich glaube, das wird sich ändern. Man denke nur an all die alternativen Fleischprodukte, auch Insekten könnten sich eignen.

Sie sind Vegetarier. Wie sieht es mit Emma aus – keine Lust auf vegan?

Emma würde morgens bestimmt auch noch aufstehen, wenn sie plötzlich nur noch vegan ernährt würde, aber ich sehe ja, wie sie sich über ein Stück Fleisch freut, das würde ich ihr nicht nehmen wollen. Hunde sind Karnivoren. Wenn die jetzt vegan ernährt werden, muss das breit abgestützt sein, damit sie keine Mängel be­kommen.

Heben Sie den Hundehaufen immer auf?

Wenn ich aus dem Haus komme, gehe ich an Feldern vorbei und Privatgrundstücken. Da hebe ich es auf. Aber im Wald, wenn der Hund dort in ein Gebüsch macht, lass ich das auch mal liegen.

Haustiere schädigen gemäss einer Studie der Technischen Universität Berlin die Umwelt. Der sogenannte Durchschnittshund produziert in seinen 13 Lebensjahren etwa 2000 Liter Urin und 1000 Kilogramm Kot. Die Ausscheidungen schädigen die Böden, hinzu kommt die Herstellung des Tierfutters.

Man darf das aufs Tapet bringen, aber das Verhältnis stimmt nicht. Das ist, als ob ein 200 Kilo schwerer Mensch sagt: «Die Nuss darf ich nicht essen, damit sich mein Gewicht reduziert.» Im Gesamten hat das keine Relevanz. Wenn wir das Klimaziel erreichen wollen, müssen wir bei grossen Themen anfangen.

Bei Milliarden von Haustieren kommt da doch etliches zusammen.

Ich glaube, dass die Reihenfolge nicht stimmt. Nur schon eine Zigarettenkippe auf den Boden geworfen verseucht etwa 40 Liter Grundwasser.

Was ist schlimmer: Kot liegen lassen oder ihn in Hundekot-Säckchen zu stopfen? Die Säckchen sind ja nicht biologisch abbaubar und meist aus nicht rezykliertem Material hergestellt.

Am schlimmsten sind die, die den Kot im Sack in den Wald schmeissen. Keine Ahnung was die sich dabei denken.

Wären Sie eine Hunderasse, dann eine Mischung aus Hütehund und Terrier, sagten Sie vor Jahren in einem Interview. Gilt das noch?

Absolut. Ich kann zwei Stunden Langeweile aushalten, aber dann wird es schon eng. Das heisst nicht, dass ich nur hektisch durch die Welt renne, ich kann auch gut mal auf der Liege liegen und denken oder lesen. Aber etwas tun muss ich, und sei es nur Kopf­arbeit. Das ist typisch Hütehund. Der Terrier ist der hartnäckige Teil an mir.

Der von Ihnen auf den Markt gebrachte Hund wäre ein …?

… Rüttweiler. Ohne Zähne, nicht haarend, verträgt nur das Essen aus meinem Onlineshop, muss ein Jahr von mir geschult werden. Wenn er einen Haufen macht, dann wahlweise mit Lavendel- oder Rosenduft, gegen Aufpreis versteht sich. So bleibt die Wertschöpfungskette erhalten. Die meisten Menschen wollen heute ein Tier, das keine Arbeit macht, aber einen tollen Charakter hat, also keine eigene Persönlichkeit. Jeder Mischling bekommt heute eine Rassebezeichnung, um wertiger zu werden. Eine Kreuzung aus Pudel und Golden Retriever ist ein Goldendoodle. Das ist absurd und zeigt, dass es nur um Geldmacherei geht. So ein Rüttweiler würde mir aus den Händen gerissen. Leider.

Es gibt bei Tierärzten Sets zu kaufen, bei denen Hunden Stimmbänder und Krallen entfernt werden, bevor man sie heimnimmt. Sucht sich ein degenerierter Mensch einen degenerierten Ge­fährten?

Ich war bei einer Preisverleihung, in der ersten Reihe sassen Menschen zwischen 18 und 80. Die hätte man austauschen können, ich glaube, die Partner hätten nicht mal gemerkt, wenn sie jemand anderen mit nach Hause genommen hätten. Alle hatten denselben Chirurgen. Das ist bei Hund und Mensch derselbe Trend. Natürlich muss ich meine Freundin schön finden, sonst kann ich nicht mein Leben mit ihr teilen. Aber älter werden, Orangenhaut und Falten, gehören zum Menschen. Und Hunde sollen Tiere sein dürfen.

Zeige mir deinen Hund, und ich sage dir, wer du bist. Wie sieht das umgekehrt aus? Habe ich einen Hund? Wir kennen uns jetzt immerhin schon weit über eine Stunde.

Ich bin fast sicher, dass Sie einen Hund haben. Auch, weil Sie mehrfach während des Gesprächs um sich geschaut haben, als ob da noch einer liegen würde. Da Sie Kinder haben und Hunde eher natürlich schätzen, vermute ich keinen hochgezüchteten chinesischen Nackthund. Sie werden keinen winzigen und keinen riesigen Hund haben. Ich tippe auf einen Mischlingshund, der eher phlegmatisch ist.

Phlegmatisch?! Jetzt bin ich irritiert. Wirke ich so träge?

Gar nicht, meine Emma ist mir zugelaufen, die konnte nicht mit Menschen. Die brauchte eher Ruhe. Ich rate Leuten, die beruflich eingespannt sind und viel mit dem Kopf arbeiten, sich nicht noch einen hyperaktiven Hund ans Bein zu nageln, der täglich 35 Tricks lernen möchte.

Passt genau, ich halte sie mal eben ins Bild: Alva, aus dem Tierschutz. Würden Sie mit dem Philosophen Arthur Schopenhauer einig gehen: Ein Leben ohne Hund ist kein Leben?

Wenn morgen durch eine Seuche alle Hunde aussterben würden, würde ich mir nicht das Leben nehmen, aber Hunde sind eine wirkliche Bereicherung. Ich bin null gläubig, aber das Bild, das mal ein Pferdetrainer brachte, dass es ihm Angst mache, eines Tages im Himmel ohne Pferde zu sitzen, kann ich nachvollziehen. Im Himmel ohne Hunde zu sitzen muss schlimm sein. Wussten Sie, dass ich im chinesischen Sternzeichen Hund bin?


Der Deutsche Martin Rütter (51) ist Hundetrainer, Moderator und Buchautor. Nach einem Studium der Tierpsychologie in der Schweiz eröffnete er 1995 seine erste Hundeschule. Am 11. März 2023 tritt er im Zürcher Hallenstadion auf.