Der getürkte Türke


Der getürkte Türke

Herr Wallraff, können Sie damit leben, belogen zu werden? 

Im Privaten ja. Ich bin nun zum dritten Mal verheiratet. Da gab es Situationen, wo ich gesagt habe: Ich will es gar nicht wissen. Ich erzähle ja auch nicht alles. Ja, da wollte ich belogen werden.

Beruflich haben Sie der Verlogenheit den Kampf angesagt und sich dafür immer wieder falsche Identitäten zugelegt. 

Das ist aus einem Notwehrrecht heraus entstanden. Ursprünglich konnte ich meine Reportagen als Günter Wallraff machen. Ich habe am Fliessband bei Ford angefangen, wo sich mein Vater seine Gesundheit ruiniert hatte. Er arbeitete dort in der Lackhölle ohne Atemschutz und hatte später schwerste körperliche Ausfälle. Anfangs wollte man mich nicht nehmen. Am Fliessband stünden doch nur noch Ausländer. Ich könne auch Arbeit im Büro bekommen, schliesslich hätte ich Schulabschlüsse. Wahrheitsgetreu habe ich geantwortet, dass ich dasselbe wie mein Vater erleben wolle. Das hat sie gerührt. Zugegeben, ich habe denen nicht gesagt, dass ich später darüber etwas schreiben würde. Insofern war das eine halbe Lüge. Als ich dann unter Pseudonym veröffentlichte, wurde mir das als Unverschämtheit vorgeworfen. Ich hätte dem Betrieb etwas vorgespielt. Später warnten die Unternehmer mit Steckbrief und Foto vor einer Einstellung vor mir, da musste ich mir notgedrungen Papiere von Freunden und Kollegen ausleihen, um als Malocher weiter Einblick in die Firmen zu bekommen.

Hatten Sie keine Skrupel, so zu lügen? 

Das ist eine Rechtsgüterabwägung. Wem schade ich, wem nütze ich. Was ich tue, dient nie dem Selbstzweck. Mit Papieren habe ich gar keine Probleme. Der Paragraph zum Ausweispapiermissbrauch wurde in Hitlerdeutschland geschaffen, um zu verhindern, dass Deutsche – was selten genug vorkam – Juden ihre Papiere zur Verfügung stellten, damit die ihr Leben retten konnten. Zudem lege ich es später offen. Falls ich zu weit gegangen bin, kann man mich dann in die Schranken weisen. Ich musste mich ja später vor Gericht verantworten. Aber siehe da: Bisher haben die Gerichte meine Arbeitsweise als legitim angesehen – manchmal mit Einschränkungen. Das Gericht erklärte im Gerling-Fall, als ich mich als Bote Friedrich Wilhelm Gies ausgab, ich hätte in einem Verbotsirrtum gehandelt, in blindem Drang irrend. Ich würde mir diese Argumentation nicht zu eigen machen. Ich weiss schon, was ich tue.

Etwa in der Folge keine ausgeliehenen Papiere mehr vorlegen?

Bei meiner Anstellung bei der «Bild»-Zeitung habe ich sehr darauf geachtet, das zu vermeiden. Ich hatte Glück, die waren so selbstsicher, dass ich bei der Einstellung meine neue Identität nicht belegen musste. Ich war Hans Esser, Leutnant und ausgebildet in psychologischer Kriegsführung. Ich nenne das produktive Täuschung. Meine Tarnung wäre fast aufgeflogen, als das Vorstellungsgespräch beim Redaktionsleiter zu Hause fortgesetzt wurde, bei dem ich, der ich in Wahrheit Kriegsdienstverweigerer bin, Schiessübungen machen sollte.

Sie sagten, Sie hätten einen Sehfehler und Ihr Spezialgewehr nicht dabei. Raffiniert. Wie schwierig ist es, solche Lügenkonstrukte aufrechtzuerhalten? 

Ich bin eigentlich ein ganz schlechter Lügner, weil ich ein schlechtes Gedächtnis habe.

Wie schafft man es dennoch, über Monate, als eine andere Person zu leben?

Da wachse ich über mich hinaus, und es entwickeln sich Eigenschaften, die mir sonst fehlen. Privat bin ich nicht gerade phlegmatisch, aber auf Harmonie bedacht. Wenn ich aber auf Unrecht treffe, das sich über alles hinwegsetzt, bäumt sich in mir etwas auf. Dann stehe ich manchmal wie neben mir und erlebe mich als Regisseur, der seinem Schauspieler Anweisungen gibt. Es muss mir auch gelingen, die Rolle zu spielen, weil das sonst mein Ende bedeuten könnte, etwa als ich in Portugal Rechtsterroristen überführte: Eine falsche Bemerkung, und sie hätten mich verschwinden lassen. Auch bei der «Bild»-Zeitung war ich in ständiger Alarmbereitschaft. Ich hatte Albträume, in denen ich ertappt wurde. Die hatte ich übrigens in jeder Rolle. Sich auf Dauer zu verstellen, ist ernorm anstrengend. Ich hatte ständig Angst, aufzufliegen.

Und doch können Sie nicht davon lassen.

Schon als 17-Jähriger schrieb ich in mein Tagebuch: Ich bin mein eigener heimlicher Maskenbildner, setze mir ständig neue Masken auf, um mich zu suchen. Ich war in meiner Kindheit eher verträumt und introvertiert. Über das Rollenspiel habe ich mich verwirklicht und selber gefunden. Ich habe eine Seite entwickeln können, die sonst verkümmert wäre.

Wie lange brauchen Sie, bis Sie als ein anderer denken und handeln?

Für die Hans-Esser-Rolle bei «Bild» bin ich ins kalte Wasser gesprungen. Nach sechs Wochen hat meine damalige Freundin zu mir gesagt: «Wieder typisch Esser, wenn das der Wallraff wüsste.» Das war wie nach einer Gehirnwäsche. Bei «Bild» musste ich ja produzieren. Wer am Fliessband steht, kann träumen, in andere Welten entfliehen. Aber als Reporter musste ich aktiv dem Schund Nahrung verschaffen. Die Ali-Rolle habe ich Jahre vor mir hergeschoben. Im Gegensatz zu Esser war der Ali aufbauend.

Und erlogen.

Das war doch keine Lüge. Ich habe eine Zugehörigkeit zu Menschen geschaffen, denen Unrecht geschieht, und dafür auch Entbehrungen in Kauf genommen und meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Bei meiner Drecksarbeit in den Thyssen-Werken habe ich mir die Bronchien geschädigt.

Sie schrieben im Buch «Ganz unten»: Man muss täuschen, um an die Wahrheit zu kommen.

Das war ein Satz, den ich vorbeugend zur Selbstverteidigung geschrieben habe. Bis zu der Ali-Rolle wurde mir meine Methode immer um die Ohren geschlagen: Das darf man nicht, das tut man nicht. Das kam von denen, die viel zu verbergen und allen Grund hatten, dass man ihnen nicht in die Karten schaut. Nach der Ali-Rolle musste ich mich nicht mehr rechtfertigen. Mein Vorgehen wurde in der Bevölkerung akzeptiert. In der «WAZ», der grössten Ruhrgebietszeitung, wählten die Leser Ali zum Mann des Jahres, vor Gorbatschew. In den Niederungen wird das Lügen einem noch eher gestattet. Oben wird es schwieriger. Mir wurde ja auch schon Amtsanmassung vorgeworfen.

Wo wird öfter gelogen – «oben» oder «unten»?

Je höher, desto mehr wird gelogen und geheuchelt. Einfache Menschen haben das nicht so gelernt, denen fällt das viel schwerer.

Die Lüge ist fester Bestandteil unseres Alltags. Vielleicht sollten wir uns an sie gewöhnen? 

Trotzdem bleibt eine Ehrlichkeit in allen Bereichen der Gesellschaft erforderlich. Ehrlichkeit bedeutet, differenziert die Sachverhalte darzulegen und gleichzeitig auch Inkompetenz einzugestehen. Die meisten bedienen ja ihre eigenen Interessen oder die Interessen ihrer Lobby. Und Lobbyisten sind dazu da, die Lüge des eigenen Vorteils wegen zu institutionalisieren. Darum ist es keine wirklich offene Gesellschaft. In der Presselandschaft gibt es keine Vielfalt der Informationen mehr. In Deutschland sind es vielleicht noch drei, höchstens fünf Konzerne, die Macht besitzen, Trends setzen, Meinungen beeinflussen, Nobodies zu Prominenten hochstilisieren oder Unangepasste in der Versenkung verschwinden lassen können.

Sie haben in Ihren Rollen Menschen kennengelernt, die Ihnen sympathisch waren, die Ihnen vertraut haben. Hatten Sie dabei nie ein schlechtes Gewissen? 

Doch. Ich habe oft gedacht: Das ist doch ein Kumpel, ein Freund, dem will ich mich anvertrauen. Ich konnte es nicht, weil das Risiko, enttarnt zu werden, zu gross gewesen wäre. Es war eine Befreiung, als ich mich meinen Kollegen bei einer türkischen Hochzeit als Günter offenbaren konnte. Von meiner Rolle bei «Bild» hatte ich zu vielen Bekannten in meinem Umfeld erzählt, deshalb musste ich meine Recherchen vorzeitig abbrechen.

Legt man es nicht auch darauf an, um sich von der Rolle zu befreien?

Es ist fast ähnlich wie bei einem Triebtäter, der das Bedürfnis hat, ertappt zu werden. Aber dann sind da auch Suggestivkräfte. Es ist das Bedürfnis da, es noch weiterzutreiben. Ich habe zu Freunden gesagt, wenn ich in meiner Rolle als «Bild»-Journalist den Ehrgeiz entwickle, noch zum Chefredaktor aufzusteigen, dann holt mich mit Gewalt hier raus.

Und wenn die Lüge entdeckt wird? 

Weil ich als Ali überallhin eine Arbeitstasche mit Kamera drin mitschleppte, flüsterte mir eines Tages ein türkischer Kollege zu: «Mit oder ohne Ton?» Da dachte ich, jetzt fliegt alles auf, und habe ihn auf die Seite genommen und gesagt: Stimmt, ich habe eine Kamera. Ich habe ihm aber nicht gesagt, wozu ich sie brauche. Der hat dichtgehalten. Unglücklicherweise hat er sich danach nicht mehr wie ein Kollege verhalten, sondern mich als Chef betrachtet.

Wie haben diese Rollenspiele Sie als Mensch verändert? 

Ich bin durch sie angstfreier und selbstbewusster geworden. Durch die Rollen habe ich meine Identität gefunden. Früher war ich kommunikationsgestört. Heute kann ich einem Menschen, dem ich vorher aus dem Weg gegangen wäre, egal wo es ist, die Meinung sagen – auch wenn ich mir dadurch Schwierigkeiten mache. Aber ich bin kein Moralapostel. Ich bin alles andere als ein Heiliger.

Hat Ihre Familie von Ali gewusst? 

Bis auf meine Mutter habe ich alle informiert. Sie hätte das zu sehr belastet. Ich erinnere mich noch an eine Situation hier zu Hause, als ich als Ali in die Wohnung reinplatzte und meine Mutter am Kaffeetisch sitzen sah. Aus Angst, sie könnte die Wahrheit nicht verkraften, habe ich mich mit ihr in gebrochenem Deutsch unterhalten. Dann habe ich mich umgezogen und kam als ihr Sohn zurück. Meine Mutter fragte, was das für ein unheimlicher Typ gewesen sei. Ich sagte ihr, dass Ali ein sehr guter Freund sei. Junge, sagte sie, du bist viel zu vertrauensselig, der wird dir noch schaden, du wirst dich noch mal an mich erinnern.

Nach welcher Wahrheit suchen Sie? 

Ich glaube, es gibt keine endgültige Wahrheit. Es gibt Annäherungen. Jede Zeit hinkt besseren Lebensformen hinterher. Unsere Wahrheit liegt in der Zukunft. Es muss immer nach neuen Möglichkeiten gefragt werden, und manchmal müssen wir Polizeiverordnungen ignorieren, um Menschenrechte durchzusetzen. So hatten wir zum Beispiel bei uns im Haus eine Roma-Familie versteckt und formales Recht gebrochen. Heute hat diese Familie in Deutschland Arbeit und Duldungsrecht.

Muss man sich verstellen können, um etwas zu erreichen?

Das bezweifle ich. Ich verstelle mich nicht, wenn ich mich öffentlich darstelle. Vor zehn Menschen rede ich nicht anders als vor tausend.

Aber Sie verstellen sich bei Ihren Recherchen.

Da bin ich kurzfristig ein anderer, um der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen. Mein eigenes Sein verstelle ich nicht. Grosser Schaden wird aber dadurch angerichtet, wenn etwa ehemalige Journalisten Politikern beibringen, wie sie täuschen können, und dafür ein unverschämtes Geld kassieren.

Ihre Rollen enthalten gewisse Risiken: Gab es Situationen, in denen Leute glaubten, Sie spielten eine Rolle, obwohl dies gar nicht der Fall war?

Es ist schon etliche Jahre her, da habe ich mich mit Hilfe von Medikamenten in den Tiefschlaf versetzt, ich wollte einfach mal zwei Tage durchschlafen, da ich total überarbeitet war. Als meine damalige Freundin nach Hause kam und mich da liegen sah, dachte sie, dass es ein Suizidversuch sei, und rief den Notarzt. Ich kam in ein benachbartes Krankenhaus. Der mich behandelnde Arzt hatte meine Reportage gelesen, in der ich mich als vermeintlicher Alkoholiker in die Psychiatrie hatte einweisen lassen. Er glaubte, ich würde wieder simulieren, und entliess mich noch in derselben Nacht, obwohl er mich wohl hätte beobachten müssen. Aber das war ein Einzelfall.

Denken Sie, ein Altersheim würde Sie je bedenkenlos aufnehmen? 

Vielleicht könnte das meine letzte Rolle unter anderer Identität werden. Ehrlich gesagt, möchte ich aber nie in ein Altersheim. Ich würde lieber zu einem mir bekannten Indianerstamm nach Amazonien gehen und mich nach alter Tradition unter einen Baum setzen und auf den Tod warten. Ach, das sagt sich so leicht. Ich bin ja auch Romantiker. Ein realistischer Romantiker.




Günter Wallraff , 1942 geboren, lebt in Köln Ehrenfeld im ehemaligen Haus seiner Grosseltern, die dort eine Klaviermanufaktur betrieben. Er besuchte das Gymnasium und wurde Buchhändler. 1963 zog ihn die Bundeswehr ein. Da er sich weigerte, eine Waffe in die Hand zu nehmen, wurde er zur Beobachtung in die psychiatrische Abteilung des Bundeswehrlazaretts eingewiesen. Das Erlebnis begründete seine Laufbahn als Journalist und Schriftsteller. Für seine Reportagen wurde Günter Wallraff unter anderem zum Reporter Hans Esser, der sich bei der «Bild» einschlich, um die Praktiken der Springer-Presse aufzudecken, oder zum türkischen Arbeiter Ali. Seine Bücher, wie «Industriereportagen», «13 unerwünschte Reportagen», «Der Aufmacher» oder «Ganz unten», sind Klassiker. Sein investigativer Journalismus machte ihn zur Legende. Mehrfach wurde der Versuch unternommen, seine Recherchemethoden zu kriminalisieren. 2003 geriet er in die Kritik, inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen zu sein. Wallraff: «Das war der gescheiterte Versuch, meine unabhängige Arbeit zu zerstören.» Günter Wallraff ist zum dritten Mal verheiratet und hat aus diesen Ehen fünf Töchter. Obwohl ihn einige seiner Einsätze gesundheitlich forderten, spielt er heute wieder Tischtennis und läuft Marathon. Wallraff sammelt Steine und hat für seine besten Funde im Hinterhof einen Ausstellungsraum bauen lassen. «Es war eine Befreiung, als ich mich meinen Kollegen bei einer türkischen Hochzeit als Günter offenbaren konnte.»

                                                     

Interview von Gudrun Sachse, erschienen im NZZ Folio "Lügen", 2006.