Burn-out-Job Mutter


Burn-out-Job Mutter

erschienen in: annabelle 8/2021


Jeder Tag mit Kindern ist eine mit Knallkörpern gefüllte Wundertüte. Charaktere prallen aufeinander, Probleme müssen schnell gelöst werden und ganz gleich wie Mutter sich verbiegt, das einzige worauf sie sich in der Schweiz verlassen kann, ist fehlende Wertschätzung und die totale Erschöpfung. Es ist kein Geheimnis, dass Mutter zu werden das Leben neu ausrichtet: hormonell, gesellschaftlich, finanziell. Es beginnt mit einem Mutterschaftsurlaub, der kein Urlaub ist und endet bei der Lücke in der AHV. Dazwischen jonglieren wir laut Ratgebern mit «kleinen Tyrannen» und «Pubertieren» und stecken Unsummen in die Aufzucht. Verstehen können wir den Nachwuchs auch nicht mehr: verlief die Kindheit unserer Grosseltern und Urgrosseltern weitgehend identisch, haben wir in vielen Bereichen kaum eine Ahnung davon, wie unsere Kinder die Welt erleben. Smartphones, Ego Shooter, Social Media – alles neu. Influencer ersetzen Freundschaften und Megakonzerne entern die Stammhirne der Kinder, die vor den Tablets zu Zombies mutieren. Weshalb sich dem Aussetzen, fragt sich da manch eine Frau; und bestimmt auch manch ein Mann. Hat sich ein Paar dennoch für ein Kind entschieden, steht für die Frau bereits der Muttermythos bereit und mit ihm ein ewig schlechtes Gewissen. Auch besteht die Gefahr des nachträglichen Bedauerns: «Regretting Motherhood» nennt sich das Phänomen auf Englisch, mit dem die Soziologin Orna Donath einen Buschbrand in Medien und Foren auslöste. Überhaupt wird viel diskutiert, was die Rolle der Mutter, die Aufgabe der Frau, der Wunsch nach Kindern oder die Organisation der Familie betrifft. Meist blubbern alle in ihrer Blase, um das eigene Weltbild bestätigt zu bekommen. Ob erzkonservativ oder weltoffen, die Wahrnehmungen sind so unterschiedlich wie Luv und Lee. Dass tribale Geister in der Gesellschaft ihr Unwesen treiben, ist nichts Neues; und auch nicht per se schlecht. Wir brauchen eine Handvoll von Menschen, denen wir vertrauen können, deren Werte uns die Richtung weisen. Was aber, wenn aus dem kleinen Stamm Socialmedia– Communities mit hunderttausenden schreienden Followern werden, wenn Stammesdenken verhindert, dass verschiedene Gruppen miteinander in einen Dialog treten. Dann ist die Demokratie in Not und mit ihr die Chance auf eine Neuausrichtung der Gesellschaft. Die treibt als tonnenschwerer Tanker auf offener See, auf der Brücke eine verkrustete Truppe, die das Steuerrad blockiert, obwohl die Strömung längst einen Kurswechsel fordert.

Heute soll eine Mutter schaffen, was nie ein Vater geschafft hat: Job, Haushalt, Kinder, Pilates. Das Gute daran. Wir wissen, dass das nicht möglich ist, und verlangen nach Lösungen. Das wird auch in der «annajetzt» Studie vom Februar dieses Jahres deutlich. Frauen wünschen sich eine bessere Vereinbarkeit von Job und Familie, eine fairere Aufteilung der Familienorganisation, zahlbarere Betreuungsangebote. Um nur weniges zu nennen. Mutter und Kind hatten nie einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Höchstens als günstige Arbeitskraft oder als manipulierbarer Konsument. Dafür sorgte das Patriarchat – «eine aus evolutionärer Perspektive kulturelle Verirrung», nennt es Carel van Schaik, Professor für Anthropologie an der Universität Zürich. Gemeinsam mit dem Kulturhistoriker Kai Michel verfasst er das erhellende Werk «Die Wahrheit über Eva». Für die Kernbotschaft nimmt sich der Anthropologe auch im Gespräch gerne Zeit, zu wichtig sei sie. Die Benachteiligung der Frau liege nicht in der Natur begründet, es handle sich um eine kurze Abweichung in einer langen Menschheitsgeschichte. «95 Prozent der Geschichte des Homo sapiens war das Geschlechterverhältnis relativ ausgeglichen. Starke Frauen und die egalitäre Kooperation der Geschlechter sind das Erfolgsgeheimnis unserer Spezies», sagt er. Das Bild des grunzenden Wilden, der seine Frau an den Haaren in die Höhle zerrt, mag unterhaltsam sein, falsch ist es dennoch. Die Evolution habe den Homo sapiens mit sozialen Präferenzen ausgestattet, die seine starke erste Natur bilden: Dazu gehört der Gerechtigkeitssinn ebenso wie der Wunsch nach sozialer Anerkennung. Eigenschaften, die Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften in der Savanne über Zehntausende von Jahren hinweg weitgehend egalitär und geschlechtergerecht zusammenleben liessen. Frauen bildeten weibliche Netzwerke. Männer vergewisserten sich männlicher Freundschaften, indem sie Jagdbeute mit der ganzen Gruppe teilten, und bemühten sich um Frauen als schnittige Jäger und hilfreiche Lebenspartner. Primatologen nennen solche sozialen Arrangements, die für beide Seiten Nutzen bringen, Freundschaften. So bieten etwa rangtiefere Schimpansen-Männchen bestimmten Weibchen einen «Service» an, helfen bei Konflikten, teilen ihre Nahrung, unterstützen beim Schutz der Kleinkinder und dürfen dafür in der Paarungszeit auch mal «ran». Doch es kam, wie wir es heute kennen: Klimaveränderungen führten zum Ackerbau, was Arbeitsbelastung und Gesundheit der Frauen massiv verschlechterte. Männer konnten ihr Ansehen nicht mehr durch die Jagd sichern und führten stattdessen Krieg und häuften Besitz an. Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, aber auch zwischen wenigen reichen und vielen armen Männern verbreiteten sich. «Unterstützt durch die Errungenschaft der Schrift, die die männlichen Regeln in Stein meisselt und der Religion, die ihren Regeln den göttlichen Segen gab», sagt van Schaik. Heute aber meisseln Frauen «me too» ins Internet und Gottes Segen ist Patina. Die Zeiten ändern sich und die kulturellen Werte mit ihr. Das sickert aber erst langsam durch. Nicht nur bei Männern, auch bei Frauen.

Meine Kinder waren plötzlich 8 und 10. Es ging so schnell, wie alle prophezeit hatten. Mir kamen die Jahre mitunter endlos vor. Gefühlt lag jeden Tag eines der Kinder auf dem Fussgängerstreifen und blockierte den Verkehr. Der Versuch konsequent zu sein, erschwerte einzig mein Leben, nicht dass der Kinder, wenn uns die Security nach einem Wutausbruch des Jüngsten aus dem Warenhaus eskortierte, die Blicke der Kundinnen wie Feuerpeitschen auf meiner Seele.

Karriere und Kinder das gehe prima, ermuntern Frauen in Führungspositionen sich gegenseitig in Hochglanzmagazinen, wenn nur der Arbeitgeber mitspiele; und natürlich spielt er bei ihnen immer mit. Was sie im Interview nicht sagen, dass sie bereits die dritte Nanny am Start haben, die morgens ihre Kinder weckt und für die Schule bereit macht. Dass ihr Mann nicht damit leben konnte, dass sie mehr verdiente als er und sie sich drum getrennt haben. Jeder hat nun eine grosse Wohnung. Jeder eine zuverlässige Nanny. Jeder glücklich, weil keiner sich mehr ausgenutzt fühlt. Als Bonus gibts alle 14 Tage ein kinderfreies Wochenende mit Lover. Hört man im Bekanntenkreis von solchen Modellen steigt der Neidpegel. Dass die Kinder anfangs vor den falschen Türen standen, gehört dazu. Da darf Mutter nicht einknicken. Nicht wie ich. Die auch nie geschafft hätte, was eine andere Bekannte tat, damit sie pünktlich wieder in die Marketingabteilung konnte: für ihr viertes Kind engagierte sie einen «Cry-it-out» - Profi, damit das Kind nach der Geburt sofort im eigenen Bettchen durchzuschlafen lernte. Wechselnde Au-Pairs bewohnen zudem im Untergeschoss des Hauses ein nett eingerichtetes, allerdings fensterloses Zimmer. Mit fremder Hilfe ist der Fulltime-Job für beide Elternpaare machbar – ebenso die Bezahlung einer Privatschule für die pubertierenden Kinder. Leider funktionieren solche Luxus-Modelle nur in den oberen Einkommensklassen. Aber auch anderen bleibt oft gar nichts anderes übrig. Öffentliche Tagesschulen gibt es in Zug, wo ich lebe, eine. Einen Platz am Mittagstisch zu bekommen, ist Glück und keine Selbstverständlichkeit. Also hatte auch ich mir an zwei Tagen pro Woche eine gute Seele geleistet, weil eine vertrauenswürdige Bezugsperson besser ist als eine frustrierte Mutter. Die gute Seele ist Hauswirtschafterin, aufgewachsen auf einem Bauernhof, ein Glücksfall aus der Region. Denn ein Kind wird krank. Oder der Intercity nach Zürich fährt ein, während das Kind sich daheim noch die Schuhbändel verknotet. Um 12 Uhr mittags ist die Schule bereits aus, bis es um 14 Uhr wieder läutet. Um 15.30 stehen die Kinder wieder vor der Tür. Es folgen Hausaufgaben. Fahrdienst. Elternabende. Geburtstage. Wenn der Teilzeit-Verdienst aber gleich wieder in die Fremdbetreuung fliesst, lässt die Freude an der Freiheit im Büro jährlich nach. Zudem wurde die gute Seele Grossmutter, und zwar gleich mehrfach. Ihre Töchter und Schwiegertöchter planten sie grosszügig ein. Kostenlos. Ohne all die Omas und Opas im gratis Care-Einsatz wäre die Schweiz vermutlich schon verwaist.

Sandra ist seit vielen Jahren Erzieherin in einer Kita. Sandra ist eigentlich ein Engel. Endlos geduldig und mit einer Stimme aus Samt. Das bekommt keine Mutter zu Hause besser hin. Aber Sandra ist nur in Teilzeit dort. Die meisten Kinder aber fünf Tage von sieben Uhr früh bis abends um 19 Uhr. Das schwierigste sei es, sagte sie mir, nicht über die Eltern zu urteilen. Wenn die Kinder krank abgegeben werden Hustensaft ausdünstend wie Alkoholiker ihre Fahne. Besonders schwierig sei es jetzt während Corona, wo der Körperkontakt der Erzieher zu den Kindern nochmal eingeschränkt wurde, obwohl der elementar sei. Es fehlt nicht nur an Krippenplätzen, es fehlt auch an Betreuern, an Bezugsperson, die nicht alle drei Monate den Arbeitgeber wechseln, weil der Job angesichts der Verantwortung beschämend entlöhnt wird. Sandra ist Teil der Care-Kette, wie Soziologen das Phänomen des Weiterreichens der drei grossen Cs: Caring, Cleaning und Cooking nennen. Oft betrifft es Migrantinnen aus ärmeren Ländern, die Familien in reicheren Ländern helfen, Kinder und Job zu vereinbaren, während die eigenen Kinder in der Heimat zurückbleiben. Lästige Arbeiten werden auf ein Dienstleistungsproletariat übertragen – 84 Prozent der Hausangestellten, 86 Prozent der in der Pflege Tätigen, 94 Prozent der Betreuung in Zürichs Kitas – alles Frauen. Auch ganz «normale» Schweizerinnen, wie Sandra. Sie hat ihrer Tochter einen Schlüssel um den Hals gehängt, sollte es in der Kita mal länger dauern mit den fünf Babies, die sie dort betreut.

Internationale Studien zeigen, dass eine Fachperson höchstens drei Kinder bis drei Jahre und vier Kleinkinder bis vier Jahre betreuen sollte. In der Realität ein hehrer Wunsch. Dabei sind kleine Gruppen wichtig, um auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können. Denn kein Kind gleicht dem anderen. Auch wenn wir uns das wünschten: putzige, flinke Roboter, die sich geschmeidig in den Alltag einfügen. Sitzt ein Kind im Kindergarten lieber in der Ecke als auf seinem Stühlchen, werden Eltern rasch nervös und Erzieherinnen wedeln mit psychologischen Merkblättern. Irgendeine Therapie wird sich schon finden. Dem Nachwuchs bloss keine Zeit geben, die Grenzen des Normalseins immer enger setzen. Der Druck beginnt in der Vorschule, gefolgt von einem Schulsystem, das den Eltern organisatorisch das Letzte abverlangt und Kindern in der Pubertät am Hirn vorbei geht. Die Wissenschaft hat längst belegt: Hausaufgaben sind ein unnötiger Stressfaktor und Teenagerköpfe kommen vor 8 Uhr morgens unmöglich in Schwung.

20 Jahre dauert es, bis sich das kindliche Hirn entwickelt hat. 20 Jahre, in denen Eltern gefordert sind, in denen wir uns zurücknehmen müssen, um einer neuen Generation Wege zu bahnen, sie resilient zu machen, stark für eine Zeit voller Unbekannten. Das ist ein wichtiger Job. Vermutlich sogar der wichtigste. Blöd nur ist der offenbar nichts wert.

Die meisten Frauen reduzieren nach der Geburt ihr Pensum: Zurzeit gehen 6 von 10 erwerbstätigen Frauen und 1,8 von 10 Männern, einer Teilzeitarbeit nach. Teilzeit bedeutet oft ungesicherte Arbeitsverhältnisse, schlechtere soziale Absicherungen, etwa bei der Pensionskasse, sowie geringere Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen. Was Mütter oder Väter nebenbei daheim leisten – offenbar reine Ehrensache. Müsste einer vierköpfigen Familie die kinderbedingte Haus- und Familienarbeit, also die direkte und indirekte Betreuungsarbeit, zu Marktlöhnen bezahlt werden, würden dafür rund Fr. 5900.– pro Monat fällig: Die unbezahlte Arbeit der Mutter beträgt Fr. 4223.--, die des Vaters Fr. 1685.--, besagt die Publikation «Anerkennung und Aufwertung der Care-Arbeit» des Eidgenössisches Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG.

Daheim zu sein, ist nicht nur eine Herausforderung, sondern nicht selten eine Zumutung: Zwei Stunden Klötze stapeln, das geht. Eine Stunde Vokabeln abhören auch. Aber nach 15 Stunden mit quengelnden Kindern, dreckigen Töpfen und Wäschebergen möchte man die Liebsten auch mal in die Tonne stopfen. Allein das nicht zu tun, erfordert einiges an Selbstbeherrschung. Die nicht jeder hat. In der Einsamkeit der Wohnung ist jeder mit seinem Kind überfordert –Frau wie Mann - mit dem Geschlecht hat das nichts zu tun, sondern mit nicht artgerechter Haltung. Aber das muss auf der Brücke des Tankers erst ankommen.

Wir wüssten, was wir bräuchten:

Ein Mutterschaftsurlaub, der Elternzeit heisst. Frauen, die Mütter sein dürfen, ohne dabei zu verarmen. Männer, die bei den Kindern bleiben dürfen, ohne an Status zu verlieren. Frauen, die arbeiten gehen und dabei gerecht entlöhnt werden. Flexible Ganztagesschulen, flexible Arbeitgeber. Ideen, wie Mütter und Väter daheim nicht verkümmern. Ideen, wie Mütter und Väter ihre Kinder in den Mittelpunkt setzen und nicht am Mental Load zu Grunde gehen, dieser nie endenden, ermüdenden Familienalltag-Denk-Arbeit.

Bis der Tanker seine Richtung ändert, werden wir uns weiterhin selbst erfinden müssen, sei es mit Generationsübergreifenden Häusern, sei es mit Clanbildungen aus engen Freunden, mit Solidarität, statt Anfeindungen. Meine zehnjährige Tochter möchte Kinder «obwohl ich weiss, wie anstrengend die sind», sagte sie und schaut mich herausfordernd an. So anstrengend nun auch wieder nicht, antworte ich. «Vor allem seid ihr das Beste in meine Leben». - «Ok, aber nicht mehr als drei wegen der Karriere», sagt sie. «Wie willst du das machen?», frage ich. «Ich wechsle mit meinem Mann ab - einen Monat übernimmt er, einen Monat ich.» - Das ist zwar weniger idyllisch, dafür sehr kreativ. «So einen Mann wirst du bestimmt finden», sage ich und meine es ernst. Zum Glück befinden sich an Bord des Tankers Menschen mit neuen Ideen, Menschen in Politik und Wirtschaft, die ihren Töchtern und Söhnen den Weg ebenen wollen, weil die Strömung unaufhaltsam ist.